
Adrian Newey „wütend” auf die FIA wegen der Genehmigung der Grauzone für die Power Units 2026
von Simone Scanu
Die Formel-1-Saison 2026 entwickelt sich zu einer der umstrittensten Kampagnen der jüngeren Vergangenheit. Design-Legende Adrian Newey soll Berichten zufolge wütend darüber sein, dass die FIA entschieden hat, eine aus Sicht der Rivalen fragwürdige Ausnutzung der neuen Power-Unit-Regeln zuzulassen.
Wie die französische Publikation L'Equipe berichtet, hat Newey deutlichen Unmut geäußert, nachdem es dem Weltverband nicht gelungen ist, einen zentralen Streitpunkt rund um die Spezifikationen des Verbrennungsmotors zu klären, die die neue Reglement-Ära prägen werden. Im Mittelpunkt steht eine technische Grauzone, die Mercedes und Red Bull Powertrains offenbar entdeckt haben – und die die FIA als legal eingestuft hat. Sie könnte das Kräfteverhältnis grundlegend verschieben, noch bevor in Melbourne überhaupt eine Runde gefahren ist.
Die Kontroverse um das Verdichtungsverhältnis
Im Kern des Streits steht die Vorgabe zum Verdichtungsverhältnis für die Power Units 2026. Das Reglement schreibt ein maximales Verdichtungsverhältnis von 16:1 vor; Mercedes und Red Bull sollen jedoch gefunden haben, was Rivalen als eine „clevere Auslegung“ dieser Regel bezeichnen. Berichten zufolge haben beide Hersteller Antriebe entwickelt, die bei statischen Tests bei Umgebungstemperatur das 16:1-Verhältnis einhalten, im Betrieb des Motors jedoch das zuvor erlaubte Verdichtungsverhältnis von 18:1 erreichen können.
Dieses technische Schlupfloch könnte rund 15 zusätzliche Brems-PS bringen – ein erheblicher Performance-Unterschied in der modernen Formel 1, in der die Überlegenheit der Power Unit die Wettbewerbshierarchie zunehmend bestimmt. Audi, Ferrari und Honda haben allesamt formell eine Klarstellung der FIA beantragt. Das unterstreicht die branchenweite Sorge, dass die bestehenden Regeln eher durch technische Raffinesse als durch einen klaren Regelverstoß umgangen worden sein könnten.
Neweys prophetische Warnung
Besonders brisant ist Neweys Ärger, weil er die Lage für 2026 selbst erstaunlich treffsicher vorausgesehen hatte. Im vergangenen Januar warnte der Managing Technical Partner von Aston Martin im Autosport-Magazin genau vor diesem Szenario: „Ich denke, die Motorenhersteller werden bis zu einem gewissen Grad [aus] der mangelnden Vorbereitung gelernt haben, die die Rivalen von Mercedes vor dieser Änderung hatten. Aber es muss die Chance geben, dass ein Hersteller deutlich vorne liegt und es zumindest zu Beginn ein von der Power Unit dominiertes Reglement wird.“
Seine Prognose hat sich unangenehm genau bewahrheitet. Nachdem Aston Martin für diese Saison strategisch von Mercedes- auf Honda-Power umgestellt hat, setzte Newey darauf, dass der japanische Hersteller im neuen technischen Rahmen aufblühen würde. Stattdessen droht das Ausbleiben einer einheitlichen Reglement-Auslegung durch die FIA Hondas Wettbewerbsfähigkeit zu untergraben, noch bevor die Saison überhaupt beginnt.
Das Aston-Martin-Dilemma
Aston Martins Projekt für 2026 zählt zu den ambitioniertesten Vorhaben im Sport. Mit Neweys legendärer aerodynamischer Expertise, einer Werks-Partnerschaft mit Honda, erheblichen Investitionen in die Anlagen in Silverstone und dem zweimaligen Weltmeister Fernando Alonso im Fahreraufgebot hat das Team aus Silverstone ein Paket geschnürt, das auf dem Papier äußerst konkurrenzfähig wirkt. Die Mannschaft nahm 2025 bewusst eine schmerzhafte Saison in Kauf und opferte kurzfristige Ergebnisse, um die Entwicklung unter dem neuen Reglement zu optimieren.
Doch nun, noch bevor am 26. Januar in Barcelona die Vorsaisontests beginnen, hat sich die regulatorische Ausgangslage deutlich verschoben. Statt mit technischer Chancengleichheit in die Saison zu gehen, sieht sich Aston Martin der Aussicht gegenüber, gegen Konkurrenten anzutreten, die womöglich einen spürbaren Vorteil bei der Motorleistung mitbringen – ein Nachteil, der Neweys innovative Designlösungen neutralisieren und das Team von Beginn an auf ungleichen Fuß stellen könnte.
Ausblick
Während Ferrari, Audi und die übrigen Konkurrenten vor denselben Herausforderungen stehen, scheint der Wettbewerbsnachteil für Aston Martin besonders gravierend – nicht zuletzt, weil Honda nach Einschätzung außerhalb dieser „Grauzone“ liegt. Der japanische Hersteller, der die Formel 1 Ende 2021 offiziell verlassen hatte und 2026 als Werkspartner zurückkehrt, hat die neuen Regeln bereits als „extrem herausfordernd“ bezeichnet. Ein ungeklärter technischer Vorteil für die wichtigsten Gegner verschärft diese ohnehin anspruchsvolle Aufgabe zusätzlich.
Für Newey – dessen legendärer Ruf auf technischer Exzellenz innerhalb klarer Rahmenbedingungen beruht – ist diese regulatorische Unschärfe genau die Art von äußerem Ärgernis, das sich auch mit noch so viel Design-Brillanz nicht aushebeln lässt. Die kommenden Wochen werden entscheidend dafür sein, ob Aston Martin sofort um Erfolge kämpfen kann – oder ob das Team die Erwartungen neu justieren und den Fokus auf eine längerfristige Titeljagd ab 2027 und darüber hinaus legen muss.

Simone Scanu
Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.

