
Alpines Mercedes-Motorenwechsel zeigt frühe Versprechen mit Blick auf die Saison 2026
von Simone Scanu
Zum ersten Mal in Alpines moderner Formel-1-Geschichte hat das Team aus Enstone sein langjähriges Renault-Power-Unit-Programm aufgegeben und ist stattdessen Mercedes-Kunde geworden. Dieser tektonische Schritt ist weit mehr als ein einfacher Motorentausch – er markiert einen grundlegenden Neustart für ein Team, das die Konstrukteurs-WM 2025 als Letzter beendete, nachdem es die Entwicklung des A525 Anfang Juni gestoppt hatte, um sich vollständig auf das Reglement 2026 zu konzentrieren.
Die Entscheidung zog erhebliche Kritik von Renaults Motorenabteilung nach sich, die den Wechsel als Verrat am F1-Engagement des Herstellers wertete. Doch erste Anzeichen deuten darauf hin, dass der Schritt auf der Strecke spürbare Vorteile bringen könnte. Alpines Shakedown in Silverstone zu Wochenbeginn verlief bemerkenswert reibungslos: Das Team absolvierte 140 Kilometer ohne nennenswerte Probleme. Das ist ein ungewöhnlich frühes Signal für Fortschritt in einer Phase, die sich für das französische Team zu einer grundlegend neuen Ära entwickelt.
Mercedes als Gamechanger
Die Bedeutung der Mercedes-Power für Alpines Zukunft lässt sich kaum überschätzen. Da der Mutterkonzern Renault aus der Entwicklung eigener Power Units aussteigt, hat Alpine endlich das, was in den vergangenen Jahren gefehlt hat: „einen Referenzpunkt, auf dessen Basis man ohne Kompromisse aufbauen kann.“ Mercedes soll für 2026 gegenüber allen anderen Motorenherstellern einen Wettbewerbsvorteil besitzen – unter anderem dank einer klugen Auslegung der neuen Regeln zu Verdichtungsverhältnissen im Verbrennungsmotor.
Die Partnerschaft läuft mindestens bis 2030 und gibt beiden Seiten Stabilität, auf der sich aufbauen lässt. Alpine erhält die gleiche Spezifikation der Power Unit wie das Mercedes-Werksteam – damit steht der Kundenteam auf gleicher technischer Augenhöhe mit den Herstellern selbst.
Führung und Vision unter Briatore
Die Rückkehr von Flavio Briatore als Teamchef im Jahr 2025 markierte eine deutliche Abkehr von der vorherigen Unsicherheit. Sein Comeback brachte zwar Erfahrung und Autorität zurück ins Fahrerlager, machte aber auch deutlich, dass Alpine eher nach Richtung gesucht hatte, als eine gefestigte Vision konsequent umzusetzen. Briatore hat jedoch keine Zeit verloren, klare Erwartungen zu formulieren. Beim Launch des A526 war er gewohnt direkt: Mit einem Weltklasse-Mercedes-Motor im Heck gebe es für die Mannschaft aus Enstone in Sachen Design und Aerodynamik keine Ausreden mehr.
Technische Vorteile zeichnen sich ab
Alpine hat für den A526 eine akribische „Diät“ verfolgt und stellt sicher, dass das Team das Mindestgewicht von 768 kg vom ersten Tag an erreicht. Dieser frühe Erfolg könnte in der Anfangsphase der Saison einen spürbaren Vorteil bringen – insbesondere gegenüber Rivalen, die mehr als 10 kg über dem Minimum liegen.
Das Reglement 2026 bringt tiefgreifende technische Umwälzungen bei Chassis und Power Units. Der A526 verfügt als Kernelement der neuen Regeln über aktive Aero-Elemente – bewegliche Front- und Heckflügel –, die Überholmanöver erleichtern sollen. Zudem ermöglicht der Wechsel zu Mercedes-Power eine kompaktere Heckverpackung als bei den bisherigen Renault-Konfigurationen, was Designraum freisetzt und die Gesamteffizienz verbessert.
Fahrerduo und frühe Zuversicht
Pierre Gasly bleibt die Speerspitze des Teams und geht in sein viertes Jahr bei Alpine. An seiner Seite fährt der aufstrebende Franco Colapinto, der in der zweiten Hälfte 2025 überzeugte. Beide Fahrer zeigten sich nach dem Silverstone-Shakedown ausgesprochen optimistisch und betonten, der A526 fühle sich „spritzig und reaktionsschnell“ an.
Der Realitätscheck bleibt nüchtern: Niemand erwartet, dass Alpine 2026 um Siege kämpft. Entscheidend ist nun, ob das Team „glaubwürdig, geschlossen und konkurrenzfähig genug“ wirkt, um die Entscheidungen zu rechtfertigen, die es an diesen Punkt gebracht haben. Wenn der Mercedes-Motor wie erwartet liefert und das Aerodynamikpaket aus Enstone im Vergleich zu anderen Mercedes-betriebenen Teams konkurrenzfähig ist, hat Alpine echte Gründe für Optimismus – mit Blick auf den ersten Vorsaisontest in Barcelona.

Simone Scanu
Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.

