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Die FIA setzt zwei neue Treffen an, um die Kontroverse um das Motoren-Schlupfloch vor Saisonstart zu lösen

Die FIA setzt zwei neue Treffen an, um die Kontroverse um das Motoren-Schlupfloch vor Saisonstart zu lösen

von Simone Scanu

5 Min. Lesezeit

Formel 1 steht an einem Scheideweg, während sich die Königsklasse des Motorsports auf eine der bedeutendsten Regelreformen seit über einem Jahrzehnt vorbereitet. Doch noch bevor die Saison 2026 überhaupt beginnt, sieht sich der Sport mit einer beispiellosen Kontroverse konfrontiert, die den Start der neuen Power-Unit-Ära zu überschatten droht. Die FIA hat nun für diese Woche zwei entscheidende Treffen angesetzt – am Montag einen technischen Workshop und am Donnerstag eine weitere Sitzung des Power Unit Advisory Committee (PUAC) – in einem verzweifelten Versuch, einen Konsens in dem zu finden, was sich zur umstrittensten Regelfrage des Sports entwickelt hat.

Im Zentrum steht ein cleveres – manche würden sagen geniales – Schlupfloch, das Mercedes und Red Bull angeblich in den Vorgaben zum Verdichtungsverhältnis der neuen 2026er-Regularien entdeckt haben. Das Besondere an der Lage: Sie legt Unschärfen im Regelwerk offen, die weder die Verantwortlichen noch die Teams vorausgesehen haben – und schafft damit eine Situation, in der Innovation und Regelauslegung frontal aufeinanderprallen.

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Die Kontroverse verstehen

Die Power-Unit-Regeln 2026 sind die tiefgreifendste Veränderung der Formel-1-Motorenformel seit 2014, als Mercedes die Turbo-Hybrid-Ära dominierte. Im Zuge dieser weitreichenden Anpassungen senkte die FIA das Verdichtungsverhältnis von 18:1 auf 16:1 – ein gezielter Schritt, um neuen Herstellern den Einstieg zu erleichtern und die Ausrichtung auf nachhaltige Kraftstoffe zu unterstützen.

Allerdings enthalten die Regeln einen entscheidenden Zusatz: Verdichtungsverhältnisse werden nur gemessen, wenn die Motoren kalt sind und Umgebungstemperatur haben. Genau diese Messmethode bildet das Fundament der gesamten Kontroverse. Berichten zufolge haben Mercedes und Red Bull Power Units entwickelt, die im kalten Zustand exakt 16:1 messen, im Betrieb bei voller Temperatur auf der Strecke jedoch ein deutlich höheres effektives Verdichtungsverhältnis erreichen – möglicherweise nahe 18:1.

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Der Mechanismus hinter diesem Trick ist bemerkenswert simpel und zugleich hochentwickelt: Durch die Optimierung von Materialwahl und thermischen Eigenschaften haben beide Hersteller Motorkomponenten so ausgelegt, dass sie sich unter Hitze unterschiedlich ausdehnen – und damit das geometrische Verdichtungsverhältnis effektiv erhöhen, ohne gegen den Wortlaut der Regeln zu verstoßen. Der Performance-Vorteil soll erheblich sein; Quellen zufolge bringt der Kniff je nach Streckencharakteristik zwei bis vier Zehntel pro Runde.

Wer ist besorgt – und warum?

Die aufziehende Kontroverse hat konkurrierende Hersteller in bislang ungewohnter Weise vereint. Ferrari, Honda und Audi haben gemeinsam ernsthafte Bedenken bei der FIA angemeldet; Ferrari und seine Verbündeten sollen sogar noch vor Weihnachten einen gemeinsamen Brief eingereicht haben, in dem sie Klarstellung forderten. Diese Hersteller argumentieren, dass der Geist der Regeln – ein fairer Wettbewerb – unterlaufen werde, selbst wenn der Buchstabe des Regelwerks technisch nicht gebrochen sei.

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„Es sind neue Regeln. Da muss es ein Level Playing Field geben“, sagte ein Herstellervertreter unverblümt. „Wenn jemand einen cleveren Diffusor erfindet und man sagt, das ist nicht das Richtige, dann kann ihn sonst niemand haben – aber du darfst ihn den Rest des Jahres nutzen. Das ergibt keinen Sinn. Das würden wir nie akzeptieren.“

Verschärft wird die Sorge durch eine unbequeme Realität: Für andere Hersteller ist es viel zu spät, ihre Motoren für 2026 grundlegend neu zu konstruieren. Die Hardware ist festgelegt. Eine klare Entscheidung der FIA muss jetzt fallen – sonst bleibt der mögliche Vorteil eine ganze Saison bestehen oder wird im schlimmsten Fall bis 2027 zementiert.

Der Balanceakt der FIA

FIA-Technikdirektor für Einsitzer Nikolas Tombazis hat öffentlich zugesagt, die Sache vor dem ersten Rennen in Australien „endgültig“ und „absolut schwarz auf weiß“ zu klären. Doch der Verband steht vor einer außergewöhnlich heiklen Aufgabe. Die FIA muss gleichzeitig:

  • Regulatorische Klarheit und Fairness sicherstellen
  • Die technische Kompetenz und Innovationskraft der Hersteller respektieren
  • Wettbewerber nicht bestrafen, die sich am Wortlaut der Regeln orientiert haben
  • Einen Konsens unter Teams mit gegensätzlichen Interessen erreichen

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In jüngsten technischen Workshops gab es zwar erste Fortschritte, da Grundprinzipien zwischen Herstellern und FIA diskutiert wurden. Quellen zufolge waren jedoch nicht alle Beteiligten in jedem Punkt auf Linie; nur etwa vier Teams sollen bei den vorgeschlagenen Lösungen weitgehend übereingestimmt haben.

Die entscheidende Woche

Die für diese Woche angesetzten Treffen sind die letzte realistische Chance, die Angelegenheit zu lösen, bevor die Saison 2026 beginnt. Der technische Workshop am Montag soll einen Rahmen schaffen, um Verdichtungsverhältnisse auch bei heiß laufenden Motoren zu messen – die zentrale Lösung, die derzeit verfolgt wird. Sollten diese Gespräche zu tragfähigen Ergebnissen führen, würden sie am Donnerstag in der PUAC-Sitzung auf eine formellere Ebene gehoben, um über die Umsetzung zu beraten.

Ferraris Technischer Direktor für Motoren Enrico Gualtieri zeigte sich in jüngsten Aussagen vorsichtig optimistisch und sagte, die Gespräche mit der FIA seien „positiv“ gewesen – zugleich bleibe aber noch viel Arbeit. Sein nüchterner Ton spiegelt wider, wie komplex es ist, bei einem Thema Einigkeit zu erzielen, das die Kräfteverhältnisse direkt beeinflusst.

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Der Elefant im Raum

Eine entscheidende, aber weitgehend unausgesprochene Realität liegt über diesen Verhandlungen: Jede Regeländerung stößt auf ein großes Hindernis. Mercedes und Red Bull, die mutmaßlich von dem Schlupfloch profitieren, werden Änderungen, die ihren Vorteil neutralisieren, kaum unterstützen. Die FIA muss dieses politische Minenfeld durchqueren und zugleich die Integrität des Regelsystems der Formel 1 wahren.

Ob die entscheidenden Treffen in dieser Woche einen Weg zur Lösung ebnen können, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die Formel 1 kann es sich nicht leisten, ihre größte Power-Unit-Reform mit einer Kontroverse und Fragen nach Fairness zu starten – und genau das könnte passieren, wenn die Saison 2026 in Albert Park eröffnet wird, sofern in den kommenden Tagen kein Durchbruch gelingt.

Simone Scanu

Simone Scanu

Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.

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