
Mentale Gesundheit: Wie Laurent Mekies Red Bulls Ansatz zur Fahrerunterstützung neu ausrichtet
von Simone Scanu
Mentale Gesundheit und Fahrerleistung sind in der modernen Formel 1 untrennbar miteinander verbunden, sagt Red-Bull-Racing-CEO und Teamchef Laurent Mekies. Auf der Autosport Business Exchange in London erläuterte Mekies, wie das Team aus Milton Keynes einen umfassenden Ansatz entwickelt hat, um Fahrer in einem der psychologisch anspruchsvollsten Umfelder des Motorsports zu unterstützen.
Die Diskussion entstand vor dem Hintergrund von Red Bulls gut dokumentiertem Fahrerkarussell, das in den vergangenen Jahren mehrere Athleten erheblich unter Druck gesetzt hat. Der Kampf des Teams, den zweiten Sitz neben dem viermaligen Weltmeister Max Verstappen zu stabilisieren, hat eine besondere Fallstudie geschaffen: wie Spitzensport-Organisationen die psychische Belastung durch wettbewerbliche Unsicherheit managen müssen.
Die Kosten einer Degradierung: Lehren aus der jüngeren Vergangenheit
Red Bulls jüngste Fahrerwechsel haben Mekies aus erster Hand Einblicke in die psychologischen Auswirkungen von Entscheidungen im Hochleistungs-Motorsport gegeben. Liam Lawsons Degradierung zum Schwesterteam Racing Bulls nach nur zwei Rennwochenenden im Jahr 2025 verdeutlichte die brutale Realität der leistungsgetriebenen Kultur der Formel 1. Ebenso unterstreicht Yuki Tsunodas Wechsel von einem Renncockpit in die Rolle des Ersatzfahrers für die Saison 2026 die psychologischen Herausforderungen, denen Fahrer gegenüberstehen, wenn sich ihr sportlicher Status verändert.
Als damaliger Teamchef von Racing Bulls während Lawsons Degradierung erlebte Mekies unmittelbar, wie solche Schritte Athleten beeinflussen. Doch statt das als bloße Berufsrisiken abzutun, hat er psychologische Unterstützung zu einem Grundpfeiler der Organisationsphilosophie von Red Bull gemacht.
Der ganzheitliche Ansatz für mentales Wohlbefinden
„Wir sind uns sehr bewusst, dass der psychologische Effekt enorm ist“, sagte Mekies und betonte, dass dieses Prinzip über Fahrer-Degradierungen hinausgeht und alle Spitzensportler betrifft. Er formulierte eine zentrale Erkenntnis: Die letzten Leistungsreserven in der Formel 1 sind im Kern psychologischer Natur.
„Dieses letzte bisschen Performance hängt eng damit zusammen, wie du dich fühlst, wie du unterstützt wirst und was in deinem Kopf vorgeht“, erklärte Mekies. Diese Philosophie spiegelt das moderne Verständnis der Sportwissenschaft wider: Meisterschaftsreife Leistung entsteht nicht allein durch fahrerisches Können und technische Exzellenz.
Bemerkenswert ist, dass Mekies dieses Prinzip über die Fahrer hinaus auf die gesamte Red-Bull-Organisation ausdehnt. „Genauso wie du das Umfeld schaffen musst, in dem die Fahrer sich entfalten und schnell fahren können, musst du das Umfeld schaffen, in dem deine Ingenieure, deine Mechaniker, deine Mitarbeitenden ihr Potenzial, ihr Talent bestmöglich zeigen können“, sagte er. Dieses organisationsweite Bekenntnis deutet auf ein ausgeprägtes Verständnis hin, wie Teamkultur die Performance direkt beeinflusst.
Unterstützung für die nächste Generation: Isack Hadjars Vorteil
Die Verpflichtung von Isack Hadjar als Teamkollege von Max Verstappen für 2026 spiegelt Red Bulls Bekenntnis zu dieser unterstützenden Philosophie wider. Nach einem überzeugenden Rookie-Jahr in der Formel 1 bei Racing Bulls hat sich Hadjar die Beförderung ins A-Team verdient und wird umfassende Rückendeckung aus der Organisation erhalten.
Mekies betonte, Red Bull werde Hadjar „360-Grad-Unterstützung geben, um sicherzustellen, dass er sein Talent in diesem Auto zeigen kann“. Zudem profitiert Hadjar davon, zu einem Zeitpunkt zu Red Bull zu stoßen, an dem ein großer Reglement-Reset ansteht. Die Saison 2026 bringt weitreichende Änderungen bei Hybridantrieben und Chassis-Regeln – ein psychologischer Vorteil, denn neue Regeln schaffen ein Spielfeld, auf dem alle Fahrer ihre Entwicklungskurven gewissermaßen neu beginnen.
Kultur als Wettbewerbsvorteil
Red Bulls Fokus auf Unterstützung der mentalen Gesundheit spiegelt eine breitere Entwicklung im Spitzensport wider. Wie Mekies andeutet, beeinflusst Organisationskultur die Leistung direkt – besonders in Sportarten, in denen minimale Zugewinne oft über Titel entscheiden. Indem Red Bull psychisches Wohlbefinden auf allen Ebenen priorisiert, setzt das Team einen modernen Ansatz um, der Burnout, Stress und Demotivation als echte Wettbewerbsnachteile anerkennt.
Diese Perspektive ist besonders relevant, während Red Bull seine bislang ambitionierteste Herausforderung angeht: eigene Antriebseinheiten zu entwickeln und zugleich die großen Reglementänderungen für 2026 zu bewältigen. Die psychische Widerstandsfähigkeit von Fahrern, Ingenieuren und Mechanikern wird entscheidend sein, um durch ein Jahr zu kommen, das die Teamführung als Außenseiterjahr charakterisiert hat.
Laurent Mekies’ Aussagen sind ein deutliches Eingeständnis, dass moderner Erfolg in der Formel 1 nicht nur von aerodynamischer Effizienz oder PS abhängt, sondern davon, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen ihr absolutes Bestes leisten können – körperlich, mental und emotional.

Simone Scanu
Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.

