
Hier ist der AMR26 von Newey: Aston Martin geht an den Start, hat aber sofort mit Problemen zu kämpfen
von Simone Scanu
Aston Martins Formel-1-Kampagne 2026 hat am Donnerstag auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya offiziell begonnen – doch der Auftritt des Teams war ebenso dramatisch wie überfällig. Nachdem man die ersten drei Tage der Vorsaisontests wegen Produktionsverzögerungen komplett verpasst hatte, schob der Rennstall aus Silverstone den mit Spannung erwarteten AMR26 rund fünf Stunden vor dem Ende der Session erstmals auf die Strecke. Lance Stroll, am Steuer des komplett schwarzen Autos im Testdesign, kam jedoch nur auf fünf Runden, bevor eine rote Flagge den Donnerstag abrupt beendete: Streckenposten wiesen den Kanadier an, wegen eines möglichen elektrischen Problems anzuhalten.
Die späte Ankunft ist ein spürbarer Rückschlag für Aston Martins ambitioniertes Projekt 2026. Normalerweise stehen dem Team beim Barcelona-Shakedown drei Testtage zu – nun hat man kaum mehr als einen einzigen Tag Fahrzeit gesichert. Ein extrem komprimierter Zeitplan, der die außergewöhnlichen Umstände rund um die Entwicklung des AMR26 unterstreicht.

Der perfekte Sturm des Wandels
Aston-Martin-Teamchef und leitender Streckenverantwortlicher Mike Krack ordnete die Lage nach dem Tagesprogramm mit gewohnt offener Wortwahl ein: „Wir sind in einer etwas einzigartigen Situation. Wir begrüßen Honda, unseren neuen Motorenpartner. Wir haben nach sehr, sehr vielen Jahren erstmals wieder ein eigenes Getriebe gebaut, und das kombinierst du mit neuen Chassis-Regeln, neuen Power-Unit-Regeln … im Grunde kann man sagen: Es ist der Worst Case oder der Best Case – aber es ist eine riesige Veränderung für uns als Team.“
Die Gemengelage rund um den AMR26 kann man kaum überschätzen. Das Auto steht für einen perfekten Sturm technischer Herausforderungen: die umfassendste Überarbeitung der Chassis-Regeln seit Jahren, komplett neue Power-Unit-Spezifikationen, die Integration eines neu entwickelten Getriebes aus eigener Fertigung – und Adrian Neweys Einstand als technischer Chef und Teamchef. Hinzu kommt: Der AMR26 ist 2026 das einzige Honda-befeuerte Auto im Feld, weshalb der japanische Hersteller bislang keinerlei Vergleichsdaten sammeln konnte.
Hondas offene Sorgen
Gerade vor diesem Hintergrund wiegen Hondas eigene Vorbehalte gegenüber dem Reglement 2026 schwer. Vergangene Woche gab Honda-Racing-Corporation-Präsident Koji Watanabe eine ernüchternde Einschätzung ab: „Das Reglement 2026 ist technisch extrem anspruchsvoll, und vielleicht werden wir Schwierigkeiten haben.“ Ähnlich äußerte sich Tetsushi Kakuda, Projektleiter von Hondas F1-Programm: „Die Elektrifizierungsseite entwickelt sich wie geplant. Das gilt jedoch nicht unbedingt für den Verbrennungsmotor.“

Neweys radikale Philosophie
Trotz dieser Rückschläge zog das Design des AMR26 sofort die Aufmerksamkeit im Fahrerlager auf sich. Strolls schnellste Runde von 1:46,404 Minuten – rund 30 Sekunden hinter der Mercedes-Bestmarke – lieferte zwar nur begrenzte Leistungsdaten, doch die optische Architektur des Autos sagt viel über Neweys technische Handschrift.
Besonders mutig ist die Auslegung der Aufhängung. Nach intensiver Abwägung der Fahrwerksphilosophie entschied sich Newey letztlich für eine Double-Pushrod-Konfiguration – eine Wahl, die mit der Mehrheit der 2026-Konkurrenz übereinstimmt. Technischen Analysen zufolge bietet die Pushrod-Aufhängung ein berechenbareres Handling und zugleich Vorteile beim Packaging des Antriebsstrangs – beides Grundpfeiler von Neweys Designethos. Vor allem das hoch angelenkte Pushrod-System schafft unter den Sidepods einen großzügigen aerodynamischen Korridor.
Das daraus resultierende aerodynamische Profil des AMR26 ist radikal unorthodox: aggressiv unterschnittene Sidepods, ein hoch positionierter Airbox-Einlass und eine auffallend schmale Motorabdeckung deuten gemeinsam auf ein Paket hin, das unter den 2026er Power-Unit-Regeln auf maximale Effizienz getrimmt ist. Das Auto „schreit nach technischer Kühnheit“ – eine Abkehr von konventioneller Weisheit, die unverkennbar Neweys Designphilosophie trägt.
Der Weg nach vorn: Barcelona und darüber hinaus
Aston Martin will am Freitag wieder auf die Strecke zurückkehren und dabei den zweiten der erlaubten drei Testtage nutzen. Die vollständige Lackierung soll am 9. Februar enthüllt werden; der Vorsaisontest in Bahrain bietet anschließend die nächste große Gelegenheit, Performance und Zuverlässigkeit vor dem Saisonauftakt zu bewerten.
Die Umstände rund um das Debüt des AMR26 verdeutlichen die Dimension des Umbruchs, der die Ära 2026 prägt. Für Aston Martin, Honda und Adrian Newey sind die kommenden Wochen nichts weniger als eine umfassende Neuerfindung von Formel-1-Technik und -Arbeitsweise.

Simone Scanu
Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.

