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Die Formel 1 schlägt 2026 ein neues Kapitel auf – und Pirellis Entscheidung, die C6-Mischung aufzugeben, zählt zu den größten reifenbezogenen Veränderungen der letzten Jahre. Der weichste Reifen im aktuellen Pirelli-Arsenal, der C6, wird komplett aus dem Programm genommen. Damit bleibt den Teams für die kommende Saison eine gestraffte Palette aus fünf Mischungen – von der härtesten C1 bis zur weichsten C5. Das ist ein klarer Bruch mit dem Ansatz von 2025, als sechs unterschiedliche Compounds den Teams eine breitere Auswahl an strategischen Optionen boten.
Der Schritt wirkt für Außenstehende zunächst kontraintuitiv, spiegelt aber eine bewusst kalkulierte Entscheidung Pirellis wider: Auf der Strecke soll die strategische Vielfalt eher zunehmen als abnehmen. Wie der italienische Hersteller erklärte, rechtfertigte der C6 seinen Platz in der Reihe schlicht nicht – er lag leistungsmäßig zu nah am C5, um in einer Ära, in der eine klare Differenzierung der Reifen entscheidend ist, sinnvoll zu sein.

Die Streichung des C6 lässt sich nicht losgelöst von den umfassenden technischen Umwälzungen betrachten, die die Formel 1 2026 treffen. Die neuen Regeln bringen Fahrzeuge, die 30 kg leichter sind, deren Radstand um 20 cm schrumpft und deren Breite um 10 cm reduziert wird. Diese drastischen Änderungen machten ein komplettes Umdenken bei Pirellis Reifenkonstruktion und -strategie notwendig.
Um den leichteren, schmaleren Autos gerecht zu werden, hat Pirelli 18-Zoll-Reifen mit reduzierten Abmessungen entwickelt. Die Vorderreifen sind nun 25 mm schmaler und 15 mm kleiner im Durchmesser, während die Hinterreifen 30 mm schmaler und 10 mm kleiner im Durchmesser ausfallen als nach den aktuellen Spezifikationen. Trotz dieser Reduktionen bleibt der 18-Zoll-Felgendurchmesser erhalten – ein Stück Kontinuität inmitten der tiefgreifenden Veränderungen.
Warum eine Mischung streichen, die bislang zum Aufgebot gehörte? Die Antwort liegt in Pirellis intensiven Tests und Analysen. 2025 setzten die Teams den C6 vor allem auf wenig belastenden Stadtkursen ein, wo seine extreme Weichheit nur geringe Vorteile brachte. Doch bei den finalen Bewertungen für 2026 ergab sich ein anderes Bild.

Der Abstand zwischen den C5- und C6-Prototypen erwies sich als zu klein, um eine wirklich sinnvolle strategische Differenzierung zu ermöglichen. Damit entstand ein Paradox: Die Aufnahme des C6 würde die strategische Flexibilität eher verringern als erhöhen. Teams hätten kaum einen Anreiz, zwischen zwei Mischungen zu wählen, die ähnliche Rundenzeiten und vergleichbare Abbau-Charakteristiken liefern.
Durch die Konsolidierung auf fünf Mischungen mit größeren und konsistenteren Leistungsabständen stellt Pirelli sicher, dass jeder Compound eine klar definierte strategische Rolle einnimmt. Diese Staffelung garantiert, dass Renningenieure auf jeder Strecke im Kalender echte taktische Entscheidungen treffen müssen. Die Philosophie spiegelt eine Lehre aus 2025 wider: Damals lagen Mischungen wie C2 und C3 teils so nah beieinander, dass Pirelli bei einzelnen Rennen gelegentlich einen Compound ausließ – etwa indem in Spa und Austin nur C1, C3 und C4 mitgebracht wurden.
Wichtig ist: Die neue C1–C5-Reihe behält laut Pirellis offizieller Mitteilung Leistungsmerkmale bei, die „ähnlich dem aktuellen Niveau“ sind. Das bedeutet: Obwohl ein Compound weniger zur Verfügung steht, verschiebt sich das absolute Performance-Fenster nicht dramatisch. Verändert hat sich vielmehr die bewusst gewählte Staffelung zwischen den Mischungen, um spürbare Unterschiede bei Rundenzeit und Verschleiß sicherzustellen.

Die Reifen-Nominierungen für die ersten Rennen 2026 zeigen diese größere Spreizung bereits. Die ersten drei Grands Prix – Australien, China und Japan – werden das gesamte Spektrum der verfügbaren Mischungen abdecken, von der härtesten bis zur weichsten. So kann Pirelli die Performance unter realen Bedingungen bewerten und daraus Rückschlüsse für spätere Nominierungen im europäischen Teil des Kalenders ziehen.
Die Teams bekommen ihren ersten Eindruck der neuen Reifenpalette beim Abu-Dhabi-Nachsaison-Test am 9. Dezember 2025. Dabei setzt jedes Team ein Auto gezielt für die Reifenbewertung ein, während das andere Fahrzeug mit einem Rookie-Fahrer unterwegs ist. Die C1-Mischung wird in Yas Marina allerdings nicht getestet, da sie für die Charakteristik dieser Strecke als zu hart gilt.
Um die geringeren Abtriebswerte der 2026er Autos – ein entscheidender Faktor für das Reifenverhalten – zu simulieren, werden die Teams bei den Tests an ihren „Mule Cars“ Flügelelemente entfernen. Dieser unkonventionelle Ansatz unterstreicht, wie stark sich die Fahrzeuge 2026 unterscheiden werden.

Die eigentliche Bewertung beginnt beim Barcelona-Test vom 26. bis 30. Januar 2026, wo die neuen Reifen erstmals auf echten 2026er Autos zum Einsatz kommen. Zwei weitere Testtermine in Bahrain (11.–13. Februar und 18.–20. Februar) sollen die Teams zusätzlich auf den Saisonauftakt in Melbourne vorbereiten – eine verlängerte Vorbereitungsphase, die der revolutionären Natur der technischen Regeln für das kommende Jahr Rechnung trägt.
Eine weitere Ebene der Komplexität im 2026er Puzzle: Teams dürfen nun ihre Felgenhersteller frei wählen, statt an einen einzigen Lieferanten gebunden zu sein. Laut FIA F1 Senior Permanent Scrutineer Kris Degroot wird diese Freiheit zu unterschiedlichen Felgendesigns im gesamten Feld führen – zusätzliche Variablen, die Pirelli und die Teams im Testprogramm berücksichtigen müssen.
Die Abschaffung des C6 steht für einen philosophischen Wechsel hin zu strategischer Tiefe statt strategischer Breite. Anstatt den Teams die maximale Anzahl an Optionen zu geben, hat Pirelli ein System geschaffen, in dem jede verfügbare Mischung einen klaren strategischen Zweck erfüllt. Das dürfte vielfältigere Renntaktiken fördern, weil Teams Compounds nicht einfach mit minimalen Performance-Nachteilen gegeneinander austauschen können.
Für Fahrer und Ingenieure bedeutet das: Präzision bei der Reifenwahl wird noch wichtiger. Wer die exakte Abbaukurve und das optimale Arbeitsfenster jeder der fünf Mischungen versteht, wird strategisch profitieren – während andere von den engeren Optionen überrascht werden könnten.
Während Pirelli und die FIA diese transformative Saison vorbereiten, ist die Entscheidung, den C6 aufzugeben, ein Beleg für die enge Verzahnung moderner Formel-1-Regeländerungen. Jedes Element – vom Fahrzeuggewicht über die Reifendimensionen bis zur Compound-Auswahl – muss harmonieren, um das packende Racing zu liefern, das den Sport in seiner besten Form ausmacht.

Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.