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Isack Hadjar führt beim geheimen Shakedown in Barcelona: Die Ära der Formel 1 2026 beginnt offiziell

Isack Hadjar führt beim geheimen Shakedown in Barcelona: Die Ära der Formel 1 2026 beginnt offiziell

von Simone Scanu

8 Min. Lesezeit

Der Vorhang für die wegweisende Formel-1-Saison 2026 hat sich gehoben – allerdings nicht ganz so, wie Fans und Gelegenheitszuschauer es erwartet hätten. Statt des üblichen Trubels und der Live-Timing-Feeds, die die Vorsaisontests normalerweise begleiten, organisierte der Weltverband in Barcelona am Circuit de Catalunya eine beispiellose Sicherheitsoperation: Das Fahrerlager wurde faktisch abgeriegelt, Medien und Zuschauer wurden vollständig ausgeschlossen – und damit aus einem Testfenster, das eigentlich offen sein sollte.

Die Logik hinter dieser Festungsmentalität ist simpel: Die Regeln für 2026 sind der umfassendste technische Neustart seit Jahren. Neue Power Units – teils von Herstellern entwickelt, teils maßgeschneiderte Eigenkonstruktionen wie Red Bulls Partnerschaft mit Ford – treffen auf deutlich überarbeitete Aerodynamikpakete. Die Teams brauchen ungestörte Zeit, um ihre Autos zu verstehen, Kinderkrankheiten zu diagnostizieren und entscheidende Kilometer zu sammeln – ohne Ablenkung durch externe Beobachtung. Die Formel 1 hat zwar begrenzte Fotos und Videos angekündigt, und die Teams dürfen in eingeschränktem Rahmen in der Boxengasse und auf der Strecke filmen, doch die Transparenz wurde bewusst auf ein Minimum reduziert. Live-Timing-Informationen, die in den ersten Stunden kurz durchgesickert waren, wurden von Streckenoffiziellen umgehend abgeschaltet – ein klares Signal, wie ernst es der Sport mit operativer Abschirmung meint.

Trotz all dieser Vorsichtsmaßnahmen zeichnete Tag eins bereits klare frühe Hierarchien ab – und offenbarte einige aufschlussreiche technische Herausforderungen –, als sieben Teams auf die Strecke gingen, um ihre 2026-Odysseen zu beginnen.

Eine Machtdemonstration von Red Bull und Fords neuem Motor

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Isack Hadjars aufsehenerregender Auftritt rechtfertigte sofort den Hype um Red Bulls neue, maßgeschneiderte Power Unit, die in Zusammenarbeit mit Ford entwickelt wurde. Der Franzose setzte bei seinem ersten Einsatz für das Team aus Milton Keynes eine Bestzeit von 1:18,159 und lag damit mehr als eine halbe Sekunde vor dem Rest des Feldes – trotz nasser und kalter Bedingungen, die die Performance im gesamten Grid typischerweise dämpfen.

Dass Hadjar – und nicht Max Verstappen – die Aufgaben am ersten Tag übernahm, kam durchaus überraschend, ergab operativ aber Sinn. Red Bulls Installationsprogramm war klar auf Kilometerfressen und Systemchecks ausgelegt, nicht auf Schlagzeilen – mit dem Ziel, die drei Barcelona-Tage maximal auszunutzen, bevor es zu den umfangreicheren Bahrain-Tests im Februar geht. Hadjars 107 Runden, kombiniert mit einem auffallend aggressiven Setup auf dem Soft-Reifen, deuteten auf ein Team hin, das schnell technische Referenzwerte setzen will.

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Die größere Bedeutung von Red Bulls frühem Vorteil kann man kaum überschätzen. Es ist das erste Mal in der modernen Teamgeschichte, dass Red Bull eine Power Unit von Grund auf selbst entworfen und gebaut hat. Frühere Partnerschaften – ob mit Renault, TAG Heuer-Renault oder Honda – basierten auf externen Herstellern; 2026 ist damit ein Meilenstein in Richtung technischer Eigenständigkeit. Auch Pirellis Reifendaten, die zeigten, dass Red Bull im Test stark auf den C3-Soft setzte, sprechen dafür, dass das Team vor allem Soft-Baseline-Runs priorisierte, statt unterschiedliche Rennpace-Szenarien zu simulieren.

Mercedes’ W17 überzeugt trotz geteilter Fahrzeit

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Während Red Bull die schnellsten Zeiten setzte, trat Mercedes als der konstanteste und methodischste Akteur der Session auf: George Russell wurde am Ende Zweiter, nur 0,537 Sekunden hinter Hadjars Bestmarke. Der Ansatz der Brackley-Mannschaft wirkte durch und durch professionell: Kimi Antonelli übernahm den Vormittag und war in den frühen Stunden ein echter Gradmesser, bevor Russell am Nachmittag ins Cockpit stieg.

Die Ruhe des W17 fiel auf. Mercedes hat unter komplexen, stark von der Power Unit geprägten Regelzyklen eine beeindruckende Historie – und dominierte nach Einführung der V6-Hybridära 2014 bekanntlich über Jahre. Der Konsens im Fahrerlager vor dem Test sah Mercedes auch unter der neuen Motorenlandschaft 2026 als Favoriten, und die ersten Runden taten nichts, um dieses Bild zu relativieren. Quellen bestätigten die unmittelbare Wettbewerbsfähigkeit; Beobachter vor Ort verwiesen auf den stimmigen Gesamteindruck und die technische Geschlossenheit des W17.

Dass Russells Nachmittagszeit minimal schneller war als Antonellis Vormittagsleistung, unterstreicht, wie schwierig belastbare Aussagen aus Tag-eins-Daten sind. Streckenentwicklung, Fahrergewöhnung, Bremstemperaturen und Spritmengen machen direkte Rundenzeitvergleiche bestenfalls vorläufig. Dennoch: Mercedes kam mit beiden Fahrern zusammen auf 93 Runden – ein Zeichen für saubere Abläufe und Systemzuverlässigkeit, beides zentrale Grundlagen in einem neuen technischen Paradigma.

Alpines Colapinto auf Rang drei; erste rote Flaggen

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Franco Colapintos dritter Platz für Alpine (1:21,189 bzw. +2,030 s) war ein frühes Mutmacher-Signal für das Team aus Enstone, auch wenn der Tag des Argentiniers durch technische Probleme unterbrochen wurde. Alpine löste die erste rote Flagge des Tages aus, als Colapinto wegen eines Defekts auf der Strecke stehen blieb – die Session wurde kurz gestoppt, während Streckenoffizielle und Team die Situation analysierten.

Trotzdem deuteten Colapintos Gesamtbeitrag – 60 Runden und eine Zeit, die die Erwartungen an ein Team im Übergang auf eine neue Mercedes-Power-Unit übertraf – auf solide Vorbereitung hin. Alpine steht 2026 vor einem anspruchsvollen Umfeld, nicht zuletzt wegen neuer Herstellerpartner und der Regelkomplexität, doch die frühe Kilometerleistung sprach für eine grundsätzlich stabile Systembasis.

Audis technisches Problem und Cadillacs schwieriger Auftakt

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Die größten Sorgenfalten gab es bei den zwei neuesten Power-Unit-Protagonisten. Audi, nach der Übernahme von Sauber mit der doppelten Mammutaufgabe aus neuer Organisationsstruktur und Entwicklung einer eigenen Power Unit, hatte früh Probleme: Gabriel Bortoletos Auto musste auf der Strecke abgestellt werden. Teamchef Jonathan Wheatley erklärte später, man habe bewusst entschieden, das Problem gründlich zu analysieren, statt einfach weiterzufahren: „Wir haben es erkannt und entschieden, das Auto auf der Strecke abzustellen. Wir haben dieses Jahr genug Testzeit und wollten das Problem wirklich verstehen – deshalb analysieren wir das sehr sorgfältig.“

Dieser langfristig sinnvolle Ansatz ließ Audi jedoch bei nur 27 Runden stehen – deutlich weniger als die Konkurrenz und ein Hinweis darauf, dass die Einsatzbereitschaft für die ersten Saisonrennen noch Fragen aufwirft. Gabriel Bortoletos 1:25,296 bedeutete Rang neun, mehr als sieben Sekunden hinter Hadjars Bestzeit.

Cadillacs erster Tag in der Formel 1 verlief noch problematischer. Der Einstieg des US-Teams als elfte Franchise im Feld kam mit viel Aufmerksamkeit und großen Ambitionen, doch die Umsetzung am ersten Tag blieb hinter den Erwartungen. Valtteri Bottas drehte 33 Runden in einer komplett schwarzen Testlackierung und fuhr eine 1:24,651, aber Sergio Perez kam wegen technischer Probleme nur auf 11 Runden. Bottas räumte die Entwicklungsbaustellen ein: „Priorität ist jetzt, jeden Tag mehr Runden zu fahren. Ich glaube, ich hatte heute etwas mehr als 30 Runden, einige davon nur Installationsläufe und so, aber wir brauchen richtiges Fahren, Kilometer, und wir müssen sicherstellen, dass wir ein zuverlässiges Paket für Rennen eins haben.“

Haas’ Ocon gewinnt das Kilometerduell

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Esteban Ocons 154 Runden im Haas waren die mit Abstand größte Kilometerleistung des Tages – mehr als bei allen anderen, obwohl er in der Zeitenliste mit einer 1:24,520 nur Fünfter wurde. Diese Diskrepanz zwischen Performance und Laufleistung zeigt, was Tests zu Saisonbeginn oft ausmacht: Reine Rundenzahlen sagen wenig über die Rangordnung aus, wenn Teams Systemvalidierung und Low-Fuel-Simulationen priorisieren statt repräsentativer Qualifying-Runs.

Haas knüpfte damit an den Ansatz aus dem Vorjahr an, als das Team beim ersten Bahrain-Test ebenfalls die meisten Runden (160) sammelte. Zum Vergleich: Barcelona ist deutlich kürzer als Bahrain, wodurch Ocons 154 Runden respektabel, wenn auch leicht konservativ wirken. Das strukturierte Programm – Installationsläufe, Systemchecks und Optimierung der Bremsbalance – deutete eher auf Vorbereitung und Prozessstärke als auf Performance-Dominanz hin.

Große Unterschiede bei der Laufleistung und auffällige Abwesenheiten

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Neben Hierarchien und Defekten stach statistisch vor allem die enorme Spreizung bei den gefahrenen Runden heraus. Ocons 154 Runden überragten Bortoletos 27 deutlich – ein Spiegel sowohl der Reife etablierter Teams gegenüber Neulingen als auch der Härte technischer Probleme, die Audi und Cadillac trafen.

Drei große Teams fehlten auffällig. Ferrari und McLaren, beide bestätigt erst ab Tag zwei im Einsatz, ließen den Montag aus und sparten ihre drei zugeteilten Testtage für später in der Woche auf. Williams hat sich hingegen komplett aus dem Barcelona-Test zurückgezogen – was Fragen zum Zeitplan und zur 2026-Vorbereitung aufwirft. Aston Martin steht ebenfalls vor einem verkürzten Programm und will Berichten zufolge erst am Donnerstag und Freitag fahren – verzichtet also auf einen der drei Tage und sorgt damit zusätzlich für Unklarheit über den Entwicklungsstand.

Diese Abwesenheiten – ob strategisch oder erzwungen – haben eine eigenartige Ausgangslage geschaffen: Die schnellsten Zeiten stammen von Teams, die früh im Kalender fahren, wodurch die Rundenzeit-„Referenzen“ gegen die volle Bandbreite des Feldes noch kaum eingeordnet werden können.

Ausblick

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Der Auftakt der Saison 2026 in Barcelona hat erste Richtungsanzeigen geliefert, während der Großteil echter Wettbewerbsinformationen hinter verschlossenen Toren und Sicherheitskordons verborgen bleibt. Red Bulls frühes Tempo und Mercedes’ demonstrierte Konstanz deuten darauf hin, dass die gängige Vorabmeinung – Mercedes werde unter dem neuen Power-Unit-Paradigma dominieren, während Red Bull mit der Ford-Partnerschaft eine unsichere Übergangsphase bevorstehe – neu bewertet werden muss.

Zwei weitere dreitägige Tests in Bahrain im Februar werden deutlich umfassendere Daten liefern – vor allem, sobald Ferrari, McLaren und das gesamte Feld unter vergleichbaren Bedingungen fahren und Benchmarks möglich werden. Bis dahin ist die Barcelona-Tabelle von Tag eins eher ein erster Anhaltspunkt als eine belastbare Prognose – zumal die kalten, feuchten Bedingungen die absoluten Zeiten drückten und repräsentative Rennsimulationen ausblieben.

Die Formel-1-Saison 2026 hat offiziell begonnen – im Geheimen und voller technischer Spannung. Was aus den Bahrain-Tests hervorgeht, kann sich deutlich von den frühen Eindrücken aus Barcelona unterscheiden – wie es historisch oft der Fall war. Vorerst liefern Hadjars Schlagzeile und Red Bulls früher Vorteil das erste Kapitel einer Kampagne, die das Potenzial hat, den Sport grundlegend zu verändern.

Simone Scanu

Simone Scanu

Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.

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