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Ferrari zog seine neuen am Halo montierten Mini-Flügelchen am Rennwochenende des Großen Preises von China 2026 stillschweigend zurück – nach Gesprächen mit der FIA. Trotz ihres Einsatzes auf der Strecke entschied sich das Team für Vorsicht statt Konfrontation.
Obwohl die auffälligen Anbauteile die technische Abnahme bestanden hatten und im Sprint in Shanghai eingesetzt wurden, verschwanden sie vor dem Qualifying am Samstag. Damit waren sie aufgrund der Parc-fermé-Regeln automatisch auch für das Rennen am Sonntag ausgeschlossen.
Eine offizielle Erklärung für das Verschwinden gab es zwar nicht, doch nach Informationen aus dem Umfeld sollen Gespräche zwischen Ferrari und der FIA Fragen zur Auslegung des Reglements durch das Team aufgeworfen haben.

Ein ranghoher Ferrari-Insider deutete an, dass die Flügelchen im Rahmen der Regeln als „grenzwertig“ eingestuft wurden. Angesichts möglicher Komplikationen nach dem Rennen – sei es durch eine klare Haltung der FIA oder durch einen Protest eines Rivalen – kam Ferrari zu dem Schluss, dass der marginale Performancegewinn weder die Ablenkung noch das Risiko wert sei.
Der aerodynamische Vorteil soll nur wenige Hundertstelsekunden betragen haben. Vor diesem Hintergrund überwog die Vernunft.
Die Gespräche sollen fortgesetzt werden, um endgültige Klarheit über die Legalität zu erhalten, bevor Ferrari entscheidet, ob die Flügelchen bei einem künftigen Rennen wieder eingesetzt werden.

Ferrari reiste mit zwei bemerkenswerten aerodynamischen Neuerungen nach China, die im Fahrerlager für große Aufmerksamkeit sorgten.
Am Heck testete Ferrari erstmals an einem Rennwochenende sein innovatives, umgekehrtes „Flip-Flop“-Heckflügelkonzept. Sowohl Lewis Hamilton als auch Charles Leclerc fuhren diese Konfiguration im freien Training.

Das Design ermöglicht es, das obere Heckflügelelement bei aktiviertem Geradeausmodus um 180 Grad zu drehen. Diese Konfiguration erhöht die Reduzierung des Luftwiderstands und kann sogar einen gewissen Auftrieb erzeugen, was möglicherweise den Rollwiderstand der Reifen verringert.
Nach den Trainings entschied sich Ferrari jedoch gegen einen Renneinsatz des neuen Heckflügels, da man das Konzept zunächst besser verstehen wollte, bevor es unter Wettbewerbsbedingungen zum Einsatz kommt.
An der Fahrzeugfront installierte Ferrari zwei kleine Flügelchen beidseits der zentralen Halo-Befestigung. In der offiziellen Mitteilung an die FIA bezeichnete das Team die Änderung als „kleines Update“ und erklärte: „Nicht streckenspezifisch, es bringt lediglich einen kleinen aerodynamischen Abtriebsvorteil.“

Die Flügelchen schienen darauf ausgelegt zu sein, die Luftströmung im Cockpitbereich gezielter zu lenken, die nachgelagerten Strömungsstrukturen zu verbessern und so zur aerodynamischen Gesamteffizienz beizutragen.
Ferrari zeigte sich mit der Performance zufrieden genug, um sie im Sprint einzusetzen. Ihre Entfernung zwischen Sprint und Qualifying stellte jedoch sicher, dass sie im Grand Prix am Sonntag nicht mehr zum Einsatz kamen.
Beide Ferrari-Fahrzeuge hatten die technische Abnahme nach dem Sprint bestanden, was die späteren Bedenken umso weniger eindeutig erscheinen lässt.
Unklar ist, was die erneute Prüfung durch die FIA vor dem Qualifying ausgelöst hat. Möglich ist jedoch, dass ein konkurrierendes Team um Klarstellung bat und der Rennleitung eine alternative Regelauslegung vorlegte.
Formel-1-Teams unterliegen strengen Vorgaben hinsichtlich der Platzierung von Karosserieelementen; Bauteile müssen sich innerhalb definierter Legalitätsboxen befinden. Zwar erlauben die Technischen Vorschriften zusätzliche Verkleidungen am Halo – typischerweise entlang seiner Oberkante –, doch müssen diese strenge Maßvorgaben erfüllen.

Artikel C13.3 des Reglements gestattet die Anbringung einer Verkleidung an der Sekundären Überrollstruktur, sofern sie sich innerhalb der sogenannten RV-Halo-Box befindet, einen konvexen Radius von weniger als 2 mm aufweist und mit einem Übergangsradius von höchstens 10 mm mit der Frontkarosserie verbunden ist.
Zudem steht die übergeordnete regulatorische Frage im Raum, ob die Genehmigung einer solchen Lösung andere Teams zu noch aggressiveren Interpretationen in diesem Bereich ermutigen könnte.
Ferrari hat bereits früher die Grenzen der Halo-bezogenen Aerodynamik ausgelotet. Beim Großen Preis von Spanien 2018 nutzte das Team eine Formulierung im Reglement, um Spiegel und Finnen an der Halo-Struktur zu befestigen. Dieses Konzept wurde nach dem Rennen in Barcelona verboten, da die FIA zu dem Schluss kam, dass die Befestigung in erster Linie zusätzlichen aerodynamischen Nutzen bringen sollte.

Während die Halo-Flügelchen regulatorisch weiter in der Schwebe hängen, soll Ferraris „Flip-Flop“-Heckflügel beim Großen Preis von Japan wieder zum Einsatz kommen.
Teamchef Fred Vasseur erklärte, dass zunächst weitere Kilometer notwendig seien, bevor man das Konzept im Rennen einsetzt.
„Wenn wir Kilometer auf die Teile bringen wollen, müssen wir sie im ersten freien Training fahren“, sagte er. „Aber wir werden es wahrscheinlich nächste Woche [in Japan] wieder tun. Wenn die Zuverlässigkeit passt und die Laufleistung ausreichend ist, werden wir es am Wochenende einführen.“
Fürs Erste bleibt Ferraris Shanghai-Wochenende eine Erinnerung daran, dass in der Formel 1 selbst kleinste aerodynamische Details erhebliche regulatorische Wellen schlagen können – und dass strategische Zurückhaltung mitunter die klügste Entscheidung ist.

Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.
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