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Die ersten beiden Rennen der Formel-1-Saison haben einen subtilen, aber bedeutenden Trend offenbart – einen, der sich bereits bei den Vorsaisontests in Bahrain andeutete und sich nun klar zu bestätigen scheint.
Nach den Grands Prix in Melbourne und Shanghai hat sich der Racing Bulls VCARB 03 als eines der am schwierigsten zu überholenden Autos im Feld erwiesen. Was zunächst nach Zufall aussah, deutet inzwischen auf ein prägendes Merkmal der Red-Bull-Ford-Power-Unit hin.
In Australien bekam Oliver Bearman die Defensivstärke des VCARB 03 am eigenen Leib zu spüren: Runde um Runde hing er hinter Arvid Lindblad fest, ohne einen Weg vorbeizufinden. Dasselbe Bild zeigte sich in China, wo Racing Bulls die Konkurrenz konstant auf Abstand halten konnte.
Im Kern dieser Widerstandsfähigkeit steckt eine besondere Eigenschaft der Red-Bull-Power-Unit: die Fähigkeit, hohe Endgeschwindigkeiten zu halten – insbesondere im letzten Abschnitt der Geraden, wenn andere Antriebe stärker ins Derating geraten. Bereits bei den Testfahrten in Bahrain fielen ungewöhnlich hohe Topspeeds auf, was auf eine andere Hybrid-Strategie im Vergleich zur Konkurrenz hindeutete.
Der Red-Bull-Antriebsstrang scheint darauf ausgelegt zu sein, die Geschwindigkeit am Ende langer Geraden zu konservieren – und verwandelt diese Spitzenleistung in eine wirkungsvolle Waffe im Qualifying wie auch im direkten Duell Rad an Rad.

Melbourne lieferte das deutlichste Beispiel. Die zahlreichen Geraden und die begrenzten Möglichkeiten zur Energierückgewinnung zwangen die Verfolger, beim Überholversuch viel Batterieleistung einzusetzen. Dadurch entstand ein strategisches Dilemma: aggressiv attackieren und im nächsten Streckenabschnitt verwundbar sein.
Genau in diesem Szenario spielte der überlegene Top-Speed der Racing Bulls seine Stärken aus. Ein Überholmanöver erforderte hohen Energieeinsatz – doch die Geradeausstärke des VCARB 03 machte es äußerst schwierig, den Move sauber abzuschließen.
Shanghai erzählte eine leicht andere Geschichte. Die lange Gegengerade und bessere Möglichkeiten zur Energiespeicherung reduzierten die relative Bedeutung des reinen Top-Speeds. Dennoch verteidigte sich Racing Bulls auch dort effektiv – insbesondere im Qualifying auf einer Strecke, die sensibel auf Energienutzung reagiert.

Auf Strecken mit langen Vollgaspassagen und hoher Energiesensibilität hat sich Racing Bulls über eine Runde hinweg als möglicherweise stärkstes Team im Mittelfeld etabliert.
Im Renntrimm zeigt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Über längere Stints scheint das Team aus Faenza etwas stärker zu leiden als Haas, dessen Chassis trotz operativer Einschränkungen im Zusammenspiel mit der Ferrari-Power-Unit sehr konkurrenzfähig wirkt.
Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Red Bull Racing. In Melbourne sicherte sich Red Bull einen Startplatz aus der zweiten Reihe vor McLaren und Ferrari – wobei Ferraris Probleme mit dem Energieeinsatz in Q3 den Abstand stärker vergrößerten, als es die reine Performance gerechtfertigt hätte.
In China verschob sich das Kräfteverhältnis. Red Bull hatte Mühe, sich aus dem Mittelfeld zu befreien – teilweise aufgrund von Zwischenfällen in der ersten Runde bei beiden Fahrern, aber auch, weil das Auto einen wachsenden Rückstand auf die Spitze offenbarte. Dieser war nicht allein auf die Power Unit zurückzuführen; auch das Chassis spielte eine Rolle.

Interessanterweise scheint Racing Bulls derzeit bestimmte Eigenschaften der Power Unit besser auszuschöpfen als das A-Team von Red Bull.
Insidern zufolge trägt der RB22 einen Gewichtsnachteil von rund 15 bis 20 Kilogramm mit sich, was aerodynamische Schwächen zusätzlich verschärft. Der VCARB 03 hingegen scheint besser darauf abgestimmt zu sein, die Stärken des Antriebs zu nutzen.
Trotz Zwischenfällen und enger Zweikämpfe, die das Rennen in China beeinträchtigten, sicherte sich Racing Bulls dank einer starken Fahrt von Liam Lawson einen beachtlichen siebten Platz – bemerkenswerterweise vor Isack Hadjars Red Bull. Zwar drehte sich Hadjar früh, doch ein gut getimtes Safety-Car verschaffte ihm strategisch die Chance zur Aufholjagd.
All das bedeutet nicht, dass der VCARB 03 dem RB22 insgesamt überlegen ist. Vielmehr unterstreicht es die Qualität der Entwicklungsarbeit in Milton Keynes auf der Antriebsseite. Es handelt sich um den ersten vollständig im eigenen Haus gebauten Motor, unterstützt von hochkarätigem technischem Personal – und seine Charakteristik tritt nun deutlich zutage.

Für beide Teams scheint der aktuelle Rückstand auf die unmittelbaren Konkurrenten nicht ausschließlich von der Power Unit herzurühren.
Zwar gibt es auch auf Motorenseite noch Entwicklungspotenzial, doch der Großteil der Performance-Lücke dürfte an anderer Stelle liegen. Besonders im Vergleich zu Ferrari und Haas scheint der Antrieb nicht länger der entscheidende Unterschiedsfaktor zu sein.
Nach zwei Rennen ist jedoch klar: Top-Speed ist zu einem strategischen Schlüsselfaktor geworden – und Racing Bulls setzt dieses Instrument derzeit mit bemerkenswerter Effizienz ein. Wie sich dieser Vorteil auf Strecken mit unterschiedlichen Charakteristika auswirkt, wird im weiteren Saisonverlauf entscheidend dafür sein, die tatsächliche Hackordnung im Mittelfeld und darüber hinaus zu verstehen.

Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.
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