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Audis Weg in die Formel-1-Saison 2026 hat schon jetzt eine der spannendsten Design-Geschichten des technischen Neustarts geliefert. Nachdem der Neueinsteiger mit Sauber-Antrieb im Januar in Barcelona seine erste R26-Spezifikation vorgestellt hatte, reiste er zum Vorsaisontest in Bahrain mit einer auffälligen Neuinterpretation einer der entscheidendsten aerodynamischen Komponenten der modernen F1 an: den Sidepods.
Die Entwicklung vom Launch-Design Audis zur aktuellen Ausbaustufe ist weit mehr als kosmetische Feinarbeit. Die ursprünglichen, horizontal geschlitzten Lufteinlässe, die die früheste Konfiguration des Autos prägten, wurden komplett neu gedacht – ersetzt durch deutlich kleinere, stärker vertikal ausgerichtete Einlässe, die sofort Vergleiche mit dem berüchtigten „Zeropod“-Konzept von Mercedes hervorriefen, das zum Saisonauftakt 2022 debütierte.

Audis Interpretation dieser Philosophie unterscheidet sich jedoch grundlegend vom Mercedes-Ansatz. Während jenes Konzept die klassische Sidepod-Karosserie praktisch vollständig aufgab, hat Audi die Sidepod-Struktur beibehalten – sie aber aerodynamisch radikal neu geformt. Dieser Hybridansatz zeigt die Bereitschaft des Teams, konventionelles Denken herauszufordern, ohne in die Fallen zu tappen, die Mercedes schon nach einer Saison von seinem Experiment wegzwangen.
Das Sidepod-Redesign lässt sich nicht von den technischen Regeln für 2026 trennen, die grundlegend neu definieren, wie Teams den Luftstrom um das Fahrzeug herum steuern. Das neue Reglement führte in-washing Wheel-Wake-Control-Boards ein – kleine aerodynamische Elemente an der Vorderkante der Sidepods, die gezielt dafür ausgelegt sind, die turbulente Luft zu kontrollieren, die von den Vorderreifen erzeugt wird. Dieser Rahmen hat ein völlig neues Entwicklungs-Schlachtfeld geschaffen, auf dem Teams radikal unterschiedliche Philosophien verfolgen.

Die aggressive Formgebung der Oberseite von Audis verfeinerten Sidepods erfüllt einen zentralen Zweck: den Downwash-Effekt zu verstärken. Dieses aerodynamische Prinzip, das aus Jahren der Entwicklungsarbeit stammt, lenkt Hochdruckluft nach unten in Richtung Fahrzeugheck, verbessert die Kontrolle an der Bodenkante und steigert die Effizienz des Heckflügels. Im Kontext der neuen Unterbodenregeln 2026, bei denen das Management des Luftstroms unter dem Chassis noch wichtiger geworden ist, hat diese Entscheidung spürbare Performance-Auswirkungen.
Die Rolle der Sidepods geht weit über Optik hinaus. Wie Aerodynamik-Experten betonen, übernimmt die Volumenform der Sidepods einen Großteil der Luftstromführung zwischen Fahrzeugfront und -heck. Teams müssen mehrere, teils gegensätzliche Ziele ausbalancieren: die Last an der vorderen Bodenkante managen, verhindern, dass der Reifenwirbel die Karosserie trifft, Hochdruckzonen erzeugen, um turbulente Luft vom Chassis wegzudrücken, und den Luftstrom optimieren, der den Heckdiffusor speist.
Audis Designentscheidungen stehen nicht isoliert. Der R26 setzt auf Pushrod-Aufhängungen an Vorder- und Hinterachse – eine bewusste Wahl, die bei Aerodynamikern an Beliebtheit gewonnen hat, weil sie das Tunnelsystem besser freiräumt und einen besseren Zugang zu Federn und Dämpfern ermöglicht, ohne das Getriebe ausbauen zu müssen.

Dass das Team sein ursprüngliches Konzept bereits innerhalb weniger Wochen nach den ersten Track-Laps weiterentwickelt, unterstreicht eine zentrale Realität der Saison 2026. Der Reglement-Neustart schafft so viel Gestaltungsfreiheit, dass frühe Designrichtungen mit hoher Wahrscheinlichkeit verworfen oder verfeinert werden, sobald Teams Daten aus der Praxis sammeln. Mercedes’ Vorgehen 2022 – ein drastischer Sidepod-Wechsel mitten in den Wintertests – setzte einen Präzedenzfall, dem Audi offenbar zu folgen bereit ist, wenn die Performance-Daten es nahelegen.
Das kleinere, stärker vertikale Einlassdesign könnte zudem Audis Einschätzung widerspiegeln, wie sich die Kühlung unter den 2026er Power-Unit-Regeln und den teaminternen Anforderungen am besten optimieren lässt. Anders als Ferrari oder McLaren – etablierte Teams mit jahrelanger Aero-Entwicklungserfahrung in der aktuellen Generation – muss Audi maximale Performance aus grundlegend neuen Designparametern herausarbeiten.
Audis aggressive Suche nach Sidepod-Innovation signalisiert, dass das Team hierin ein entscheidendes Entwicklungsfeld sieht, in dem sich früh ein Wettbewerbsvorteil aufbauen lässt. Mit dem ersten Rennen in Australien in Sichtweite und Teams, die sich noch in der Vorsaison-Evaluationsphase befinden, haben die Sidepod-Designkriege gerade erst begonnen.
Dass Audi bereits die Bereitschaft gezeigt hat, seine Spezifikation zwischen Tests zu überarbeiten, deutet auf einen empirischen, datengetriebenen Entwicklungsansatz hin – ein vielversprechendes Zeichen für einen Neueinsteiger, der innerhalb des strengsten technischen Rahmens der F1 operiert. Ob sich das Konzept mit vertikalen Einlässen gegenüber horizontal geschlitzten Lösungen als überlegen erweist, wird sich erst zeigen, wenn der Rennbetrieb beginnt – doch Audis frühe Kühnheit hat die Saison 2026 schon jetzt als eine der aerodynamisch vielfältigsten der jüngeren Vergangenheit etabliert.

Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.