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Adrian Neweys Ankunft bei Aston Martin sollte eine neue Ära technischer Dominanz einläuten. Doch die Saison 2026 hat für das britische Team Neuland bedeutet – nicht aus Mangel an Ehrgeiz, sondern durch das Zusammentreffen von Umständen, Timing und den inhärenten Risiken einer gleichzeitigen Erneuerung an mehreren Fronten.
Neweys später Einstieg verschärfte einen bereits bestehenden Nachteil. Die Design-Ikone stieß im März 2025 zu Aston Martin und lag damit in der Aerodynamikentwicklung vier Monate hinter Rivalen, die ihre 2026er-Projekte deutlich früher begonnen hatten. Doch das war nur die halbe Wahrheit. Honda war – trotz seiner Meisterschafts-Vergangenheit mit Red Bull – aus Sicht der F1-Entwicklung faktisch achtzehn Monate lang im Dornröschenschlaf. Der japanische Hersteller zog sich Ende 2021 technisch aus der Formel 1 zurück, und obwohl Red Bull bis 2025 weiterhin Honda-Aggregate einsetzte, wurde die Forschungs- und Entwicklungskette ausgedünnt. Ressourcen wurden innerhalb Hondas in andere Bereiche umgeleitet – genau das war ja der Sinn des Ausstiegs.

Als Honda sich zu Aston Martins 2026-Projekt bekannte, begann man bei null. Nicht mit einer Fortsetzung. Sondern von vorn.
Das AMR26-Chassis steht für ein bis zum Äußersten getriebenes Aerodynamik-Konzept – mit „sehr engen Luftkanälen“ und einer Karosserie, die Abtrieb maximieren und gleichzeitig den Luftwiderstand minimieren soll. Diese aggressive Philosophie ließ kaum thermische Reserve. Während der Tests in Bahrain öffneten die Ingenieure zusätzliche Kühlöffnungen, nachdem Anomalien am Antriebsstrang aufgetreten waren – ein notwendiger Kompromiss, der aerodynamische Effizienz kostete, damit das Honda-Aggregat „atmen“ konnte. Jede Kühlanpassung verbesserte die Zuverlässigkeit, bestrafte aber die Höchstgeschwindigkeit – eine Nullsummenrechnung ohne gute Antwort.

Zusätzlich zu diesen Herausforderungen ging Aston Martin mit Aramco als Kraftstoffpartner an den Start – eine unerprobte Zusammenarbeit in dem Moment, in dem die Formel 1 auf komplexe, hochentwickelte nachhaltige Kraftstoffe umstellte. Das MGU-K-Energierückgewinnungssystem, das unter den neuen Regeln fast die Hälfte der Gesamtleistung liefert, verlangt eine extrem präzise Kalibrierung. Synchronisationsprobleme zwischen MGU-K und nachhaltigen Kraftstoffen unter hohen Temperaturen führten in den Tests zu deutlichen Defiziten auf den Geraden.
Lance Strolls Einschätzung fiel vernichtend aus: Der Rückstand auf die Spitze war auf vier Sekunden angewachsen, und das Fahrerfeedback zeichnete ein Bild aus miteinander verknüpften Fehlstellen. Das Auto blockierte beim Bremsen wiederholt an beiden Achsen – ein Hinweis darauf, dass Antrieb und Chassis nicht gleichzeitig in ihrem optimalen Arbeitsfenster liefen. Stroll selbst sagte, die Probleme kämen aus „einer Kombination von Dingen: Motor, Balance, Grip. Es ist nicht eine Sache, es ist eine Kombination.“

Genau deshalb reichen klassische, parametrische Korrekturen nicht aus. Wenn ein Antrieb aus Zuverlässigkeitsgründen mit konservativen Einstellungen betrieben wird, verändert das grundlegend die aerodynamische Balance und die Anforderungen an die mechanische Plattform. Aston Martin absolvierte zwischen dem Shakedown in Barcelona und Bahrain weniger Runden als die Konkurrenz – und verkürzte damit die Lernkurve zusätzlich, in einem Reglement, das noch niemand vollständig versteht.
Teamchef Pedro de la Rosa betonte, Aston Martin habe die Probleme identifiziert – sie seien nur gewaltig im Umfang. Neweys Führung habe Klarheit und Richtung gebracht, doch organisatorische Defizite lassen sich nicht über Nacht beheben. Das Team muss gleichzeitig ein unerprobtes Aggregat optimieren, die extreme Karosserie neu ausbalancieren und sich durch unbekannte Regeln navigieren.
Der Rückstand ist kein Beleg für Scheitern; er ist ein Beleg dafür, wie Ehrgeiz mit der Realität kollidiert. Ob Aston Martin vor Melbourne nachjustieren kann, wird ihre 2026er-Entwicklung definieren.

Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.