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Ferrari hat bei den Vorsaisontests 2026 in Bahrain mit gleich zwei radikalen Aerodynamik-Innovationen die Schlagzeilen dominiert und das Fahrerlager in Aufregung versetzt. Während der auffällige rotierende Heckflügel der Scuderia – der sich bei Aktivierung um 180 Grad dreht, statt sich wie ein klassisches DRS zu öffnen – sofort alle Blicke auf sich zog, liegt die eigentliche Meisterleistung in Ferraris neu eingeführtem Auspuffflügel: einer ausgeklügelten Lösung, die Rivalen trotz ähnlicher Überlegungen nicht kurzfristig kopieren können.
Dieser Unterschied ist entscheidend. Der rotierende Heckflügel ist zwar spektakulär, bleibt aber letztlich eine Designentscheidung, die andere Teams mit genügend Entwicklungszeit ebenfalls verfolgen könnten. Der Auspuffflügel hingegen ist deutlich raffinierter: Ferrari hat grundlegende Packaging-Entscheidungen rund um zentrale Fahrzeugkomponenten genutzt, um theoretische Grenzen zu umgehen, die eigentlich verhindern sollten, dass Teams in diesem Bereich aerodynamische Elemente platzieren.

Ferraris Durchbruch basiert auf einem meisterhaften Verständnis des technischen Reglements der Formel 1. Der Auspuffflügel – ein kleines Karosserieelement direkt hinter dem Auspuffauslass – „säubert“ die Strömung, die den Diffusor verlässt, indem er turbulente Abgaswirbel verdrängt. Durch die gezielte Führung des Abgasstroms beschleunigt diese Leitfläche die Luft über die Unterseite des Heckflügels, senkt dort den Druck und erzeugt zusätzlichen Abtrieb.
Der entscheidende Geistesblitz entstand durch die Ausnutzung von Artikel 9.5.1 des technischen Reglements, der den Teams einen gewissen Spielraum bei der Positionierung des Differenzials einräumt. Ferraris Ingenieure unter Aerodynamik-Direktor Diego Tondi erkannten, dass sie durch die maximal nach hinten verlegte Position des Getriebedifferenzials – innerhalb der erlaubten 60-mm-Toleranz entlang der Längsachse – die hintere Crashstruktur deutlich weiter nach hinten schieben konnten. Dadurch entstand der nötige Platz und das erforderliche Volumen, um den Auspuffflügel dort unterzubringen, wo es zuvor aufgrund der Regeln praktisch nicht umsetzbar war.
Das FIA-Update im Dezember erweiterte zudem das zulässige Volumen in der Vertikalachse und schuf damit zusätzlichen Raum, damit Ferraris Diffusorverlängerung ansteigen und den Auspuff effektiv „überdecken“ kann. Diese auf den ersten Blick kleine Regelanpassung erwies sich als Schlüssel für Ferraris Konzept.

Die Eleganz von Ferraris Lösung liegt darin, dass sie von der grundlegenden Fahrzeugarchitektur abhängt. Die meisten Teams haben ihre Getriebe-Positionierung und Packaging-Strategien für 2026 bereits festgelegt. Ferraris Auspuffflügel zu kopieren, würde eine umfassende strukturelle Neuentwicklung erfordern – ein gewaltiges Projekt mitten in der Saison, das sich Teams für einen eher inkrementellen Performance-Gewinn kaum leisten können.
Hinzu kommt: Ferraris Getriebegehäuse musste außergewöhnlich schmal konstruiert werden, um die nach hinten verlegte Differentialposition zu ermöglichen und gleichzeitig die Zuverlässigkeit zu gewährleisten – eine anspruchsvolle technische Vorgabe, die viele Konkurrenten von Beginn an vermieden haben. Diese frühe Architekturentscheidung lässt sich nicht einfach nachträglich „einbauen“.
Nur Haas – als Ferrari-Kundenteam, das über das reine Power-Unit-Paket hinaus übertragbare Komponenten erhält – hat realistisch gesehen einen Weg, das Design zu übernehmen. Andere Hersteller stehen vor den prohibitiv hohen Kosten, ihre komplette Heck-Packaging-Struktur neu zu konstruieren.

Auch wenn der Auspuffflügel nicht die revolutionären Sprünge eines Brawn-Doppeldiffusors 2009 oder der angeblasenen Diffusoren der Ära 2011 liefern wird, ist Ferraris Timing ideal. Die Energierückgewinnungsstrategien der 2026er Power Units – mit späterem Lupfen und längerem Vollgas-„Harvesting“ – sorgen für höhere Abgasgeschwindigkeit und -temperatur und verstärken damit die Vorteile, die sich aus der Nutzung heißer Gasströmungen ergeben. Ferraris Innovation dürfte spürbare Abtriebsgewinne über mehrere Kurventypen hinweg bringen.
Ferrari hat gezeigt, dass echte Innovation in der modernen Formel 1 nicht aus isolierten Aerodynamik-Ideen entsteht, sondern aus einem ganzheitlichen Verständnis der Reglementgrenzen – und aus der Bereitschaft, in der Entwicklung unkonventionelle Packaging-Entscheidungen zu treffen. Genau deshalb können Rivalen nicht einfach kopieren, was in Maranello entstanden ist.

Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.
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