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Der Reglementzyklus 2026–2030 in der Formel 1 bringt nicht nur eine grundlegend neu konzipierte Hybrid-Power-Unit. Er führt auch einen neuen Steuerungsmechanismus ein, der verhindern soll, dass ein einzelner Hersteller über Jahre hinweg eine erdrückende Überlegenheit aufbaut.
Im Zentrum steht dabei Additional Development and Upgrade Opportunities (ADUO) – ein im Technischen Reglement der FIA verankertes System. Sein Ziel ist klar: ein ausgewogenes Wettbewerbsniveau zu sichern, ohne die schnellsten Motoren künstlich einzubremsen. Anstatt Erfolg zu bestrafen, gibt die FIA weniger konkurrenzfähigen Herstellern gezielte Möglichkeiten, den Rückstand strukturiert aufzuholen.
Im Kern bewahrt ADUO die technische Freiheit der Formel 1 und schafft zugleich einen datenbasierten Weg zur Annäherung der Leistungsniveaus.

Um das System in der Praxis umzusetzen, überwacht die FIA fortlaufend die Performance jedes Verbrennungsmotors (Internal Combustion Engine, ICE), der im Laufe einer Saison an die Teams geliefert wird.
Wie im Reglement festgehalten ist, wird „für jeden von den PU-Herstellern gelieferten ICE ein ICE-Performance-Index berechnet“. Dieser in FIA‑F1‑DOC‑096 definierte Index ist die zentrale Kennzahl, um festzustellen, ob ein Hersteller hinter dem Referenzmotor zurückliegt.
Die FIA kann zudem zusätzliche technische Daten anfordern, um ihre Bewertung zu untermauern. Das Reglement stellt klar, dass „PU-Hersteller und F1-Teams aufgefordert werden können, relevante zusätzliche Informationen bereitzustellen … die auf angemessene Anfrage hin zur Verfügung zu stellen sind“. Ziel ist es, eine umfassende Beurteilung sicherzustellen und keine Momentaufnahmen zu bewerten.

Jede Saison ist in drei Leistungsbewertungszeiträume unterteilt:
Innerhalb jedes Zeitfensters wird der ICE-Performance-Index aller Hersteller mit dem höchsten in diesem Zeitraum erzielten Index verglichen. Der Abstand zum besten Motor entscheidet darüber, ob zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten gewährt werden.
Die Hersteller werden gemäß dem in FIA‑F1‑DOC‑096 beschriebenen Verfahren über eine etwaige ADUO-Zuteilung informiert.

Das ADUO-System definiert zwei zentrale Rückstandsbereiche:
Hersteller, deren ICE-Performance-Index mindestens 2 % und weniger als 4 % unter dem besten ICE liegt, erhalten:
Hersteller, deren Index mindestens 4 % unter dem besten ICE liegt, erhalten:
Diese Möglichkeiten sind jedoch streng geregelt. Wie das Reglement klarstellt, sind „ADUO-Homologations-Updates innerhalb einer Saison nicht kumulierbar und werden nur nach der ersten Feststellung der Berechtigung des PU-Herstellers gewährt“.
Darüber hinaus gilt: Ein Hersteller, der in den ersten beiden Bewertungszeiträumen keine ADUO-Berechtigung erhält, ist im dritten Zeitraum nicht mehr anspruchsberechtigt. Diese Regel soll späte Verzerrungen verhindern, die den Ausgang der Meisterschaft beeinflussen könnten.

Einmal gewährte Updates müssen innerhalb klar definierter Fristen eingesetzt werden.
Diese Struktur unterstreicht den Zweck des Systems: gezielte, zeitlich begrenzte Annäherung statt unbegrenzter Entwicklungsfreiheit.

Die FIA behält sich Eingriffsrechte vor, falls der Mechanismus selbst unbeabsichtigte Ungleichgewichte erzeugen sollte. Im Reglement heißt es, dass sich „die FIA das Recht vorbehält, korrigierende Maßnahmen zu ergreifen … sofern die gemäß Artikel 3.3 umgesetzten Updates zu einer Wettbewerbsverzerrung führen“.
Mit anderen Worten: ADUO ist als Instrument zur Annäherung gedacht – nicht als Schlupfloch.
Die Einführung von ADUO ist vor allem angesichts der tiefgreifenden Überarbeitung der Power Units ab 2026 von großer Bedeutung. Die neuen Antriebe werden eine 50/50-Aufteilung zwischen elektrischer und verbrennungsmotorischer Leistung aufweisen und vollständig auf nachhaltige Kraftstoffe setzen – die größte Veränderung der Hybrid-Ära.
Ein solcher Neustart birgt offensichtliche Risiken. Ein technischer Durchbruch eines Herstellers könnte die Konkurrenz unter den bisherigen Homologationsregeln langfristig ins Hintertreffen bringen. ADUO soll diese Gefahr mindern, indem es strukturierte, leistungsbasierte Aufholmechanismen bietet.
Im Gegensatz zu Balance-of-Performance-Systemen in anderen Rennserien deckelt oder bestraft ADUO nicht den Spitzenreiter. Stattdessen erweitert es die Entwicklungsfreiheit der Hinterherfahrenden – ein Ansatz, der zur leistungsorientierten DNA der Formel 1 passt.

Für Kundenteams kann die Wettbewerbsfähigkeit künftig stärker vom ADUO-Status ihres Motorenlieferanten abhängen. Motoren-Updates im Saisonverlauf könnten noch größere strategische Bedeutung erlangen und die Leistungsentwicklung innerhalb eines Jahres spürbar verändern.
Auch abseits der Rennstrecke sorgt das System für zusätzliche Komplexität im technischen Gefüge der Serie. Der Kampf um die Vorherrschaft in der Ära 2026–2030 wird nicht nur sonntags entschieden. Er wird sich ebenso in Simulationsabteilungen, auf Prüfständen und im Homologationsprozess abspielen – genau dort, wo ADUO seine Wirkung entfaltet.

Unklar ist bislang, ob die FIA die saisonalen Bewertungszeiträume nach der Absage der Grands Prix von Bahrain und Saudi-Arabien anpassen wird.
Eine Möglichkeit wäre, an der ursprünglichen Sechs-Rennen-Struktur festzuhalten, sodass die Analyse der fünf Power-Unit-Hersteller nach dem Grand Prix von Monaco erfolgen würde. Alternativ könnte der erste Bewertungszeitraum wie ursprünglich geplant nach dem Grand Prix von Miami enden.
Wie die FIA diese Terminfrage löst, könnte entscheidend dafür sein, wie früh Leistungsunterschiede in der neuen Ära offiziell erfasst werden.

Letztlich ist ADUO ein sorgfältig austariertes Instrument, um die wettbewerblichen Risiken der nächsten technologischen Revolution in der Formel 1 zu steuern. Indem die Entwicklungsfreiheit direkt an messbare Leistungsdefizite geknüpft wird, will die FIA engen Wettbewerb sichern, ohne die technische Identität der Serie zu verwässern.
Ob das System tatsächlich zu einer echten Annäherung führt, hängt sowohl von der konsequenten Anwendung als auch von der praktischen Umsetzung ab. Sicher ist jedoch: Im Zyklus 2026–2030 wird der Wettbewerbsvorteil ebenso stark von der Reglementarchitektur geprägt sein wie von purer Ingenieurskunst.

Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.
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