Wird geladen

Pierre Gasly hat in Monza bereits einen Nachmittag erlebt, der seine gesamte Karriere prägte. Sechs Jahre nach seinem sensationellen Premierensieg in der Formel 1 im königlichen Park kehrte der Franzose zurück, um den nächsten Meilenstein zu setzen: die allererste Pole-Position seiner Formel-1-Karriere.
Gaslys bemerkenswerte Zeit von 1:21,786 Minuten in Q3 entriss George Russell die Spitzenposition um gerade einmal 0,060 Sekunden und setzte einem Samstag die Krone auf, an dem eigentlich alles auf Mercedes als das Maß der Dinge hingedeutet hatte.
Russell hatte das FP3 angeführt, nachdem er bereits am Freitag das zweite Freie Training dominiert hatte, während Lewis Hamilton im Abschlusstraining als sein schärfster Rivale hervorging. Doch als das Qualifying in die entscheidende Phase ging, fanden weder Mercedes noch Ferrari eine Antwort auf Gasly.

Der Alpine-Pilot nutzte stattdessen exakt jene Faktoren, auf die es im modernen Monza ankommt: absolutes Vertrauen auf der Bremse, aerodynamische Effizienz mit minimalem Luftwiderstand und vor allem den perfekten Windschatten im entscheidenden Moment.
Der Samstag begann damit, dass Russell den starken Eindruck aus den Freitagstrainings untermauerte.
Der Mercedes-Pilot markierte eine Zeit von 1:22,219 Minuten und sicherte sich damit die FP3-Bestzeit – 0,226 Sekunden vor Hamilton und 0,350 Sekunden vor Max Verstappen.
Damit stand Russell in der zweiten aufeinanderfolgenden Session ganz oben auf dem Zeitenmonitor und galt vor dem Zeittraining als die klare Messlatte.
Doch die Abstände dahinter verrieten fast noch mehr als seine reine Position.

Hamilton belegte Rang zwei, Verstappen Rang drei, Kimi Antonelli Rang vier, Lando Norris Rang fünf und Charles Leclerc Rang sechs. Arvid Lindblad, Oscar Piastri, Gasly und Franco Colapinto komplettierten die Top 10.
Das Feld lag derart eng zusammen, dass schon ein kleiner Vorteil durch Windschatten oder ein winziger Verbremser das gesamte Klassement auf den Kopf stellen konnte.
Genau das entwickelte sich zum Leitmotiv des Nachmittags.
Die Zeitenjagd in Monza war schon immer ein taktisches Pokerspiel, doch das Reglement für 2026 hat das Energiemanagement und die aerodynamische Effizienz noch entscheidender gemacht.
Mit den langen Vollgaspassagen und den Straight-Mode-Zonen bringt das Hinterherfahren hinter einem Konkurrenten erhebliche Vorteile mit sich – vorausgesetzt, der Abstand stimmt perfekt.
Das FP3 bot darauf bereits einen Vorgeschmack.

Russells schnellste Runde profitierte von Antonelli, der vor ihm durch die Curva Grande und in Richtung der zweiten Schikane fuhr, während Hamilton den Windschatten von Piastris McLaren nutzte.
Auch Williams setzte Alex Albon gezielt ein, um Carlos Sainz auf der Geraden zu ziehen.
Dieses taktische Manövrieren gewann in Q3 zusätzlich an Bedeutung, als die gesamte Top 10 zu Beginn nur durch knapp zwei Zehntelsekunden getrennt war.
In Monza reicht dieser winzige Abstand aus, um statt in der ersten Startreihe plötzlich auf Startplatz fünf oder sechs zu landen.

Zunächst schien Russell das Qualifying im Griff zu haben.
Sein erster Versuch in Q3 mit einer Zeit von 1:21,929 Minuten brachte ihn vor Piastri, Gasly und Leclerc und hielt den Vorteil des Mercedes-Fahrers aus den Trainings aufrecht.
Doch dann zündete Gasly den Turbo.
Mit Lewis Hamilton vor sich auf der Strecke nutzte der Alpine-Pilot das Schlepptau perfekt aus und überquerte die Ziellinie in 1:21,786 Minuten.
Russell konnte sich zwar ebenfalls noch einmal steigern, doch seine Zeit von 1:21,846 Minuten reichte nicht ganz – ihm fehlten 0,060 Sekunden.
Piastri sicherte sich mit einer 1:21,966 Startplatz drei, während Leclerc Vierter und Hamilton Fünfter wurden.
Gasly hatte die Sensation perfekt gemacht.

Wie in unserem Qualifying-Bericht beschrieben, handelte es sich keineswegs nur um eine glückliche Runde eines Fahrers, der zufällig Windschatten fand. Gasly war über das gesamte Zeittraining hinweg extrem konkurrenzfähig und hatte sich bereits im FP3 weit vorne gezeigt.
Doch diese Runde ausgerechnet dann abzuliefern, als der Asphalt am schnellsten war und Russell sowie die Spitzenfahrer von Ferrari und McLaren nach denselben Millisekunden suchten, hob die Leistung auf ein neues Niveau.
Dies war keine geerbte Pole durch Wetterkapriolen, rote Flaggen oder Strafen. Gasly schlug die Konkurrenz im direkten Duell gegen die Stoppuhr.
Aufgrund der Vorgeschichte lässt sich dieser Erfolg kaum vom Austragungsort trennen.
2020 holte Gasly in Monza seinen sensationellen Premierensieg in der Formel 1 – ein Rennen, das seine Laufbahn für immer prägte.
Nun schenkte ihm derselbe Kurs auch seine erste Pole-Position.
Zugleich besitzt dieses Ergebnis eine enorme Tragweite für Alpine.

Gasly reiste abseits der vorderen WM-Ränge an, und kaum jemand hätte Alpine auf dem Zettel gehabt, wenn es darum ging, Mercedes, Ferrari, McLaren und Red Bull auf eine schnelle Runde zu bezwingen.
Monza belohnt jedoch ganz spezifische Stärken.
Ein geringer Luftwiderstand zählt hier mehr als auf fast jeder anderen Rennstrecke, während die geringe Kurvenanzahl Boliden mit mehr Gesamtabtrieb kaum Raum gibt, ihren Vorteil auszuspielen.
Kombiniert man ein konkurrenzfähiges Basispaket mit einem kraftvollen Windschatten und einem Piloten, der die Bremszonen kompromisslos attackiert, schrumpft die übliche Hackordnung drastisch zusammen.
Gasly verstand es besser als jeder andere, diese Rechnung aufgehen zu lassen.

Für Ferrari hinterließ der Samstag ein deutlich ernüchternderes Bild.
Die Scuderia war noch mit einer Leclerc-Hamilton-Doppelführung im FP1 ins Wochenende gestartet, woraufhin Hamilton im FP3 auf Rang zwei fuhr.
Angesichts des neuen ADUO-Motorupgrades von Ferrari für das Heimspiel in Monza waren die Erwartungen bei den Tifosi groß, dass das Team um die Pole kämpfen könnte.
Stattdessen deckte das Qualifying schonungslos auf, wie dünn das Eis war.
In Q2 schrammte Ferrari nur haarscharf an einem Desaster vorbei. Hamilton haderte mit Verkehr, geriet kurz vor Ende der Session unter massiven Druck und rettete sich nur mit einem Minimalvorsprung in die nächste Runde.
Gabriel Bortoleto verpasste Q3 um gerade einmal 0,001 Sekunden.

Im finalen Abschnitt belegten Leclerc und Hamilton schließlich die Plätze vier und fünf – getrennt durch nur sieben Tausendstelsekunden.
Keines der beiden Resultate ist ein Totalschaden. Beide Ferraris starten nah genug an der Spitze, um am Sonntag eine gewichtige Rolle zu spielen.
Nach den hoffnungsvollen Eindrücken vom Freitag und Hamiltons FP3-Form war die zweite Startreihe jedoch deutlich weniger, als sich Ferrari beim Heim-Qualifying erhofft hatte.
Gasly setzte das Glanzlicht des Tages, doch Russell hinterließ über den gesamten Samstag hinweg wohl das stärkste Gesamtbild.
Er dominierte sowohl das FP2 als auch das FP3, bevor er sich knapp geschlagen mit Startplatz zwei begnügen musste.

In allen aussagekräftigen Sessions des Wochenendes stellte der Mercedes eine exzellente Pace auf eine schnelle Runde unter Beweis.
Zudem startet Russell direkt neben Gasly, ohne durch die Strafversetzungen belastet zu sein, die Teamkollege Antonelli treffen.
Damit ist er beim Sprint auf Kurve 1 der gefährlichste Rivale.
Gasly stand in der Formel 1 noch nie auf der Pole-Position. Russell verfügt über deutlich mehr Routine darin, Grands Prix von vorne zu kontrollieren, und Mercedes hat das gesamte Wochenende über bewiesen, wie gut das Paket in Monza funktioniert.
Die entscheidende Frage wird sein, ob Gasly seine Glanzleistung vom Samstag auch über einen kompletten Stint in konkurrenzfähige Rennpace ummünzen kann.

Antonelli qualifizierte sich als Siebter, doch die Platzierung war fast nebensächlich.
Der WM-Führende wusste bereits im Vorfeld, dass ihn ein geplanter Motorenwechsel weit nach hinten in der Startaufstellung werfen würde. Das Qualifying diente daher in erster Linie dazu, das Auto weiter abzustimmen, anstatt die eigentliche Startposition auszufahren.
Seine Grundschnelligkeit gibt dennoch Anlass zu Optimismus.
Antonelli führte Phasen des FP3 an, beendete das Training als Vierter und demonstrierte auch im Qualifying ausreichend Speed, um zu unterstreichen, dass Mercedes eines der stärksten Pakete in Monza besitzt.
Am Sonntag wartet jedoch eine reine Aufholjagd.
Mit einer saftigen Startplatzstrafe im Gepäck wird Antonellis Großer Preis von Italien zum Härtetest dafür, wie effektiv sich ein schnelles Auto unter dem 2026er-Reglement durch den Verkehr pflügen kann.
Die Kombination aus Windschatten, Straight Mode und Overtake Mode dürfte ihm Überholmöglichkeiten eröffnen. Doch um seinen Vorsprung in der Weltmeisterschaft zu verteidigen, muss er sich zügig durch das Mittelfeld arbeiten, ohne dabei zu viel Zeit zu verlieren.

Auch bei McLaren verlief das Zeittraining mit geteilten Gefühlen.
Piastri sicherte sich einen hervorragenden dritten Rang, nachdem das Team nach den Eindrücken vom Freitag kaum als ernsthafter Pole-Kandidat gegolten hatte.
Norris hingegen kam über Startplatz neun nicht hinaus.
Beide McLaren-Piloten haderten mit den Bremszonen – insbesondere vor Kurve 1 –, und ihr Versuch, sich auf den letzten schnellen Runden gegenseitig Windschatten zu spendieren, ging völlig nach hinten los.
Piastri rutschte in der ersten Schikane geradeaus, ruinierte damit seine eigene Runde und ließ Norris ohne den erhofften Windschatten zurück.

In einem Feld, in dem nur Wimpernschläge über Sieg und Niederlage entschieden, wog dieser Patzer schwer.
Norris blickt daher auf einen ungleich schwereren Sonntag als Piastri, der direkt hinter Gasly und Russell lauert und sich beste Chancen auf den Grand-Prix-Sieg ausrechnen darf.
Allerdings stand Piastris Qualifying-Ergebnis nachträglich noch unter Vorbehalt, da gegen ihn wegen einer mutmaßlichen Behinderung von Liam Lawson ermittelt wurde.
Verstappens Samstag verlief zwar besser als sein schwieriger Freitag, doch im Kampf um die Pole spielte Red Bull dennoch keine tragende Rolle.
Der Niederländer belegte im FP3 Rang drei, kam im Qualifying aber nicht über Rang sechs hinaus.

Nach den massiven Balanceproblemen vom Freitag stellt dies zwar einen Schritt nach vorne dar, dennoch reiht sich Verstappen hinter Gasly, Russell, Piastri und beiden Ferraris ein.
In Monza ist Startplatz sechs allerdings keineswegs aussichtslos.
Die Strecke bietet hervorragende Überholmöglichkeiten – vor allem dann, wenn Red Bull den Fokus bei der Abstimmung eher auf Renneffizienz und Energiemanagement als auf die Qualifying-Performance gelegt hat.
Dennoch muss der Vorjahressieger des Großen Preises von Italien am Sonntag attackieren, anstatt das Geschehen von der Spitze aus zu diktieren.
Nach der Dominanz im Vorjahr entspricht diese Ausgangslage sicher nicht den ursprünglichen Erwartungen des Teams.

Das Ergebnis des Qualifyings wird nicht eins zu eins der Startaufstellung für das Rennen entsprechen.
Antonelli zählt zu den Piloten, die wegen des Wechsels von Motorenkomponenten nach hinten rücken, und auch Alex Albon ist von Strafen betroffen.
Liam Lawson kassiert ebenfalls eine Grid-Strafe beim Italien-GP, was das Bild im hinteren Teil des Feldes weiter durcheinanderbringt.
Antonellis Rückversetzung spült Piloten wie Colapinto und Lindblad weiter nach vorne.
Damit wird die Startaufstellung am Sonntag insbesondere im Mittelfeld und am Ende des Feldes spürbar anders aussehen als das Qualifying-Klassement.
Auf einer Strecke wie Monza birgt das enorme Sprengkraft.
Schnellere Autos, die von ungewohnten Positionen ins Rennen gehen müssen, versprechen eine extrem aggressive Startphase, in der die Aufholjäger Boden gutmachen wollen, bevor sich das Rennen strategisch einpendelt.

Am Freitag deutete noch alles auf ein direktes Duell zwischen Ferrari und Mercedes um die Pole hin.
Der Samstag fegte diese Prognose vom Tisch.
Russell bleibt wohl der größte reguläre Sieganwärter. Ferrari lauert mit zwei Autos in aussichtsreicher Schlagdistanz. Piastri hat McLaren in die Spitzengruppe manövriert, und auch Verstappen darf von Rang sechs keineswegs abgeschrieben werden.
Doch sie alle müssen ihre taktischen Überlegungen am Sonntag an einem Auto ausrichten, das dort niemand erwartet hatte.
Pierre Gasly startet in Monza von der Pole-Position.
Dieser Erfolg ist für sich genommen schon spektakulär. Dass er ihn ausgerechnet auf jenem Kurs feiert, auf dem er einst seinen ersten F1-Triumph errungen hat, verleiht dem Ganzen eine ganz besondere Magie.
Ob Alpine jedoch über die nötige Rennpace verfügt, um Angriffe von Mercedes, McLaren und Ferrari über eine volle Renndistanz abzuwehren, steht auf einem völlig anderen Blatt.

In Monza reicht die Pole-Position allein selten aus, um einen Grand Prix mühelos nach Hause zu fahren. Die langen Geraden laden zu Windschattenschlachten ein, die harten Anbremszonen provozieren Manöver, und das Reglement für 2026 hat das Energiemanagement zu einem noch wichtigeren Erfolgsfaktor im Tempel der Geschwindigkeit gemacht.
Gasly hat damit zwar die beste Ausgangsposition, aber mit Sicherheit keinen leichten Sonntag vor sich.
Der Samstag gehörte ganz Alpine. Der Sonntag wird zeigen, ob Gaslys außergewöhnliche Monza-Geschichte um ein weiteres historisches Kapitel reicher wird.

Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.