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Der Große Preis von Italien sollte für Ferrari eigentlich eine meisterhafte Machtdemonstration auf heimischem Boden werden. Stattdessen entwickelte sich das Wochenende zu einem Debakel, bei dem sich die Hoffnungen des Teams fast genauso schnell in Luft auflösten, wie sie zuvor geweckt worden waren.
Die Alarmzeichen blinkten bereits in der ersten Kurve auf: Lewis Hamilton und Charles Leclerc berührten sich in der Schikane der Kurven 1 und 2. Aus einem Grand Prix, der höchste taktische Disziplin verlangt hätte, wurde so frühzeitig ein reines Schadensbegrenzungsprogramm. Hamiltons Frust brodelte im weiteren Rennverlauf spürbar weiter, während Leclerc über einen Zwischenfall grübeln musste, der ein weitaus größeres Problem offenlegte als eine bloße unglückliche Rangelei in der ersten Runde.

Die beiden Ferrari-Piloten duellierten sich, als befänden sie sich in einem privaten Zweikampf um den Fahrertitel. Doch genau das war nicht der Fall. Die bittere Konsequenz: Eine ohnehin nur vage Chance auf die Weltmeisterschaft rückte in noch weitere Ferne. Die eigenen Boliden beraubten sich gegenseitig jeglicher Schlagkraft, anstatt an einem Strang zu ziehen.
Daraus ergibt sich das ernüchternde Fazit von Monza: Ferrari hat nicht bloß eine Gelegenheit verpasst. Die Scuderia hat es sich selbst dramatisch erschwert, je wieder den Anschluss zu finden.

Beide Fahrer müssen eine Mitschuld an den Ereignissen in der ersten Schikane übernehmen. Hamilton ging bei seinem Manöver auf der Innenbahn zu aggressiv zu Werke, während Leclerc schlichtweg nicht genügend Raum ließ. Die genaue Schuldverteilung ist letztlich zweitrangig gegenüber dem Gesamtergebnis: Beide Ferrari-Fahrzeuge wurden durch den internen Schlagabtausch entscheidend eingebremst.
Leclercs nüchterne Einsicht, wonach das Team schlichtweg zu weit gegangen sei – wie er auch bei der Ferrari-Zoff-Reaktion nach dem Monza-Crash betonte –, brachte das Ganze auf den Punkt. Bei einem Heimrennen vor den Augen der Tifosi und mit Blick auf das Gesamtbild der WM hätten die Piloten genau abwägen müssen, wann ein Manöver vertretbar ist und wann das Wohl des Teams überwiegt. Diese Balance fehlte völlig.

Das Problem reicht jedoch weit über das Cockpit hinaus. Auch die Teamführung muss sich in dieser Analyse hinterfragen lassen. Duelle unter Stallkollegen werden nicht dadurch harmlos, dass man sie einfach frei gegeneinander fahren lässt. Sie erfordern klare Spielregeln und Führungskraft – besonders dann, wenn zwei Autos auf engstem Raum in die erste Kurve einbiegen und das Risiko einer Berührung unmittelbar droht. Nicht umsonst forderte Hamilton klare Ferrari-Regeln nach dem Vorfall.
Die Ferrari-Piloten schienen jede Chance so zu nutzen, als sei der Triumph über den eigenen Garagennachbarn das einzig zählende Ziel. Das mag zwar packende Fernsehbilder liefern, ist aber der denkbar schlechteste Weg, um als Konstrukteur das Punktekonto zu maximieren. Es lässt zudem kaum die nötige Reife erkennen, die ein Team für einen echten Titelkampf braucht – vor allem dann, wenn das Auto ohnehin nicht die nötige Grundschnelligkeit besitzt, um ein Wochenende zu dominieren.

Das Resultat wiegt umso schwerer, da Ferrari von Beginn an kaum Spielraum für Fehler hatte. Als das Duell in der ersten Runde eskalierte, war das Team bereits darauf angewiesen, dass glückliche Rennumstände die Podestchancen retten würden. Doch diese Schützenhilfe blieb aus.
Es wäre allerdings zu kurz gegriffen, den Crash als alleinigen Grund für Ferraris Enttäuschung in Monza heranzuziehen. Die reine Grundschnelligkeit des Autos reichte schlicht nicht aus.
Man muss es deutlich aussprechen: Ferrari hatte an diesem Sonntag kein Auto, das aus eigener Kraft auf das Podium gehörte. Das Team darf daher nicht der Versuchung erliegen, das Wochenende rein als verpasste taktische Gelegenheit abzutun. Selbst ohne die Scharmützel in Turn 1 wäre der Kampf gegen die Spitze ein enorm mühsames Unterfangen geworden. Während Kimi Antonelli nach seiner furiosen Aufholjagd siegte, blieben die Roten chancenlos.

Leclercs späterer Abflug am Ausgang der Parabolica machte dann auch die letzte theoretische Möglichkeit zunichte, wieder nach vorn aufzuschließen. Das interne Scharmützel und der Unfall begruben zusammen jede realistische Chance auf einen Podestplatz. Die Kernbotschaft aber blieb davon unberührt: Dem Rennwagen selbst mangelt es schlichtweg an Leistungsfähigkeit.
Aus Monza muss Ferrari daher eine gehörige Portion Demut mitnehmen. Zwar sind die rechnerischen Titelchancen durch dieses eine Rennen nicht komplett erloschen, doch fehlte von jeher die nötige Pace, um aus vagen Möglichkeiten echte Wahrscheinlichkeiten zu machen. Die Saison droht erneut nach dem altbekannten Muster von „Hätte, wäre, wenn“ abzulaufen – Träumereien, die am Ende wertlos sind, wenn das Grundpaket nicht konkurrenzfähig ist.

Hier liegt der fundamentale Unterschied zwischen einem isolierten Fehltritt und einem durchweg ernüchternden Grand-Prix-Wochenende. Ein schlechtes Einzelergebnis lässt sich mit einem schnellen Grundpaket schnell wiedergutmachen. In Monza fehlten Ferrari jedoch sowohl die fehlerfreie Umsetzung als auch der notwendige Speed, um eine solche Aufholjagd überhaupt erst zu ermöglichen.
Gerade für ein Traditionsteam bei seinem Heimrennen hinterließ dieses Wochenende eine beklemmende Leere. Der Druck war gewaltig, doch die Performance konnte diesem Anspruch zu keinem Zeitpunkt gerecht werden.

Ferrari muss sich nach dem Heim-Grand-Prix zwei unbequemen Wahrheiten stellen: Erstens müssen die Piloten begreifen, dass ein rücksichtsloser interner Zweikampf dem gesamten Rennstall schadet. Zweitens muss das Team schonungslos anerkennen, dass das Auto schlicht nicht das Tempo besaß, um um das Podium mitzufahren – ganz gleich, wie schwer die Fehler auf der Strecke letztlich wogen.

Er ist Softwareentwickler und begeisterter Fan der Formel 1 und des Motorsports. Er ist Mitbegründer von Formula Live Pulse, einem Unternehmen, das Live-Telemetriedaten und Renninformationen zugänglich, anschaulich und leicht verständlich macht.