Singapur-GP 2026: Pirellis Reifenwahl und mögliche Strategien

Die Asien-Tour der Formel 1 endet unter Flutlicht in Marina Bay. Pirelli bringt die drei weichsten Mischungen seiner Reifenauswahl für 2026 mit – beim Großen Preis von Singapur, der zugleich den letzten Sprint der Saison austrägt.
Der C3 ist als Hard, der C4 als Medium und der C5 als Soft vorgesehen – dieselbe Auswahl wie im Vorjahr. Pirelli erwartet jedoch, dass die Teams diese Mischungen anders einsetzen könnten. Schließlich erwies sich der Soft bei mehreren jüngsten Rennen als vielseitiger als gedacht.
Singapur ist erstmals Austragungsort eines Sprints. Den Teams bleibt daher nur ein einziges freies Training, bevor der Wettkampf beginnt. Den vollständigen Ablauf findet ihr in unserem Zeitplan für das Rennwochenende des Großen Preises von Singapur 2026.

Marina Bay bleibt eine anspruchsvolle Stop-and-go-Strecke
Der aktuelle Marina Bay Street Circuit ist 4,927 Kilometer lang und hat 19 Kurven. Die Änderungen am Streckenverlauf im Jahr 2023 machten den letzten Sektor schneller und flüssiger.
Dennoch wird die Strecke weiterhin vor allem von Bremsmanövern und Traktion geprägt.
Pirelli bewertet die Anforderungen beim Bremsen mit dem Höchstwert von fünf von fünf Punkten, den Traktionsbedarf mit vier Punkten. Die seitlichen Belastungen sind vergleichsweise moderat. Die Reifen werden also weniger durch lang anhaltende Kurvenfahrten bei hohem Tempo beansprucht als durch wiederholtes Beschleunigen aus langsamen Kurven.
Mit den Formel-1-Autos von 2026 könnte dieser Charakter noch stärker ins Gewicht fallen.
Wie unsere aktualisierte Streckenkarte für Singapur zeigt, stehen den Fahrern fünf Geradeausmodus-Zonen zur Verfügung. Der Überholmodus schafft eine weitere Variable für Angriffe auf einer Strecke, auf der die Position auf der Fahrbahn traditionell entscheidend ist.

Die Entwicklung der Strecke wird entscheidend
Der Asphalt in Marina Bay ist für einen Stadtkurs vergleichsweise rau. Pirelli bewertet sowohl die Abriebwirkung als auch den anfänglichen Grip mit drei von fünf Punkten.
Der größere Faktor ist jedoch die Streckenentwicklung, die mit dem Höchstwert von fünf Punkten bewertet wird.
Zu Beginn des Wochenendes sind die öffentlichen Straßen noch relativ schmutzig. Mit den Formel-1-Autos und den Rahmenserien wird zunehmend Gummi auf der Fahrbahn abgelagert, wodurch der Grip schnell zunimmt. Im Sprintformat ist diese Entwicklung besonders wichtig: Vor dem Sprint-Qualifying am Freitagabend bleibt den Teams nur wenig Zeit, sich darauf einzustellen.
Das tropische Klima Singapurs bringt eine weitere Unbekannte mit sich. Regen kann den Gummi zwischen den Sessions von der Strecke spülen und einen Teil der Streckenentwicklung damit wieder zunichtemachen.
Trotz hoher Lufttemperaturen und extremer Luftfeuchtigkeit liegen die Streckentemperaturen im Nachtrennen gewöhnlich bei 30 bis 35 °C. So bleiben die Reifen in einem beherrschbaren Temperaturfenster.

Wird der Soft zur echten Rennreifen-Option?
Traditionell bilden Medium und Hard die Grundlage der Rennstrategien in Singapur.
2026 könnte sich das ändern.
Der C5-Soft hat in dieser Saison eine beeindruckende Haltbarkeit gezeigt, unter anderem in Budapest, Monza und Baku. Statt nur als Qualifikationsreifen zu dienen, kommt er zunehmend auch für längere Rennstints infrage.
Die Bedingungen in Singapur könnten ihm besonders entgegenkommen.
Die mechanische Belastung der Reifen ist vergleichsweise gering, der Verschleiß dürfte kein begrenzender Faktor sein. Der größte Teil des Abbaus sollte an der Hinterachse entstehen, weil die Fahrer immer wieder aus langsamen Kurven herausbeschleunigen.
Der zusätzliche Grip des Soft könnte sich daher auszahlen – besonders zu Beginn eines Stints, wenn sich Chancen zum Überholen oder zum Verbessern der Position bieten.
Auch im Sprint am Samstag wird die Leistung des Soft interessant sein. Über die kürzere Distanz fällt ein großer Teil der üblichen Haltbarkeitssorgen weg.

Warum ein Stopp die wahrscheinlichste Strategie bleibt
Für den Großen Preis am Sonntag über 62 Runden gilt ein Boxenstopp weiterhin als wahrscheinlichste Strategie.
Der Zeitverlust bei einem Boxenstopp unter Rennbedingungen liegt im Schnitt bei etwa 22 Sekunden. Ein unnötiger zweiter Stopp wäre auf einer Strecke teuer, auf der es schwierig sein kann, verlorene Positionen wieder gutzumachen.
Auch Safety Cars beeinflussen die Strategie in Singapur. Statt sich früh festzulegen, versuchen die Strategen häufig, den ersten Stint zu verlängern und flexibel zu bleiben. So können sie eine Neutralisierung nutzen, falls sich dadurch ein günstigerer Zeitpunkt für den Reifenwechsel ergibt.
Das Vorjahr zeigte, wie lange die Mischungen durchhalten können.
Der Hard kam im Schnitt auf 36 Runden pro Stint, der Medium auf 29,9 und der Soft auf 18,1. Im gesamten Rennen entfielen jeweils rund 42 Prozent aller Rennrunden auf den Hard und den Medium.
Fast das gesamte Feld beendete das Rennen mit nur einem Stopp.
Unsere Analyse der Reifendaten aus Singapur 2025 zeigte, wie der nasse Rennstart die Wahl der Mischungen zu Beginn beeinflusste, bevor der Hard in der zweiten Rennhälfte zum bevorzugten Reifen wurde.

Der Sprint erschwert die Vorbereitung
Die größte Herausforderung für die Reifen könnte sich in diesem Jahr bereits vor dem Sonntagsrennen stellen.
Den Teams bleibt nur das erste freie Training, um Reifenabbau, Aufwärmverhalten und Balance zu verstehen, bevor die Autos für das Sprint-Qualifying unter Parc-fermé-Bedingungen gestellt werden.
Damit kommt es besonders auf präzise Simulationen an – und die erste Trainingsstunde erhält eine ungewöhnlich große Bedeutung.
Da der Soft in dieser Saison mehr Potenzial für den Renneinsatz zeigt als zuvor, sich die Strecke stark weiterentwickelt und jederzeit Regen möglich ist, könnten die Teams zudem zögern, vor dem Grand Prix unnötig Reifen zu verbrauchen.
Medium und Hard bleiben die naheliegende Wahl für den Sonntag. Doch der C5 könnte die traditionelle Strategie in Singapur durcheinanderbringen.
An einem Wochenende mit wenig Trainingszeit und zwei Rennen dürfte Pirellis weichster Reifen eine deutlich größere Rolle spielen, als seine rote Seitenwand bislang vermuten ließ.

Zahlen und Fakten zum Großen Preis von Singapur
Das Rennen 2026 ist der 17. Große Preis von Singapur. Marina Bay ist seit 2008 Teil des Formel-1-Kalenders; nur 2020 und 2021 fiel das Rennen pandemiebedingt aus.
Sebastian Vettel ist mit fünf Siegen der erfolgreichste Fahrer auf dieser Strecke. Lewis Hamilton kommt auf vier Siege. Beide haben in Singapur außerdem jeweils vier Pole-Positions erzielt.
Mercedes ist mit fünf Siegen der erfolgreichste Konstrukteur in Marina Bay.
Hamilton hält auch den aktuellen Rundenrekord im Rennen: 1:33,808 Minuten, aufgestellt 2025.
