Analyse
So funktioniert der virtuelle Energietank in der WEC wirklich
Wie funktioniert der virtuelle Energietank in der WEC? Erfahre, wie die Energie gemessen wird, warum sie nicht dem Tankfüllstand entspricht und wie sie die Boxenstoppstrategie der Hypercars beeinflusst.

Ein Hypercar biegt in die Boxengasse ab, obwohl noch Kraftstoff im Tank ist. Ein anderes verlängert seinen Stint, während sich die Energieanzeige des Konkurrenten der Null nähert. Die Erklärung dafür ist der virtuelle Energietank der WEC – ein entscheidender Faktor bei der Strategie im Langstreckensport.
Er zeigt an, wie viel Antriebsenergie ein Auto noch einsetzen darf – und nicht einfach, wie viele Liter Kraftstoff sich noch im Tank befinden.
Was ist der virtuelle Energietank der WEC?
In der Hypercar-Klasse erhält jedes Auto ein maximales Energiekontingent pro Stint. Dieses wird in Megajoule (MJ) angegeben und im Rahmen der Balance of Performance (BoP) festgelegt.
Der virtuelle Tank zählt herunter, während das Kontingent verbraucht wird. Bei einem Hybrid-Hypercar berücksichtigt er sowohl die Antriebsleistung des Verbrennungsmotors als auch die des Elektromotors.

So lassen sich Autos mit unterschiedlichen Antriebskonzepten im Hypercar-Feld der WEC regulieren.
Eine Anzeige von 20 Prozent bedeutet, dass noch ungefähr ein Fünftel des erlaubten Energiekontingents übrig ist. Sie sagt nicht aus, dass der Kraftstofftank oder die Hybridbatterie zu 20 Prozent gefüllt ist.
Wie wird die virtuelle Energie gemessen?
Drehmomentsensoren an den Antriebswellen ermöglichen es den Offiziellen, die über den Antriebsstrang abgegebene mechanische Energie im Zeitverlauf zu berechnen.
Das System misst die Antriebsleistung, statt den Energieverbrauch allein anhand des Kraftstoffverbrauchs zu schätzen. Auch der Einsatz des Hybridsystems belastet daher das Energiekontingent. Beim Bremsen zurückgewonnene Energie lädt zwar die Batterie wieder auf, füllt aber nicht einfach den virtuellen Tank auf.
Bei einem regulären Hypercar-Stint wird die Energie von der Ausfahrt aus der Boxengasse bis zur Einfahrt in die Boxengasse erfasst.
Wie wird der virtuelle Tank wieder aufgefüllt?
Während eines Tankstopps wächst das virtuelle Energiekontingent mit einer vorgeschriebenen Energieflussrate, solange der Tankrüssel angeschlossen ist – gegebenenfalls erst nach einer zusätzlichen vorgeschriebenen Standzeit.

Das Anschließen des Tankrüssels setzt die Anzeige nicht sofort auf 100 Prozent zurück. Bei einer kürzeren Tankverbindung wird weniger virtuelle Energie nachgefüllt. So können Teams den Boxenstopp auf die noch verbleibende Renndistanz abstimmen.
Kraftstoff und virtuelle Energie müssen also gemeinsam verwaltet werden. Genug Benzin für die Weiterfahrt bedeutet nicht automatisch, dass auch genügend erlaubte Energie für eine weitere Runde vorhanden ist.
Was passiert, wenn der virtuelle Tank leer ist?
Das Auto bleibt nicht automatisch stehen, wenn sein Energiekontingent aufgebraucht ist. Ein negativer Energiewert verstößt jedoch gegen das Reglement und führt zu einer Strafe. Das Defizit muss beim nächsten Stopp ausgeglichen werden.
Die Teams müssen an die Box, bevor sie ihr Kontingent überschreiten.

Warum ist virtuelle Energie für die Rennstrategie wichtig?
Mit frühem Lupfen und Rollenlassen können Fahrer Energie sparen und so einen Stint verlängern – müssen dafür aber meist etwas Rundenzeit opfern. Verkehr, Wetter und Neutralisierungen können ebenfalls beeinflussen, wie weit das verbleibende Kontingent reicht.
Wer WEC-Rennen verfolgt, sollte neben Abständen und Rundenzeiten auch die Energieanzeigen im Blick behalten. Ein Führender mit nur noch wenig Kontingent muss seine Position womöglich bald abgeben, während ein Verfolger mit mehr verfügbarer Energie strategisch flexibler ist.
